Geheimnisvoller Fremder

Um einen Einblick in unsere Welt Divoisia zu bekommen, zeigen wir euch heute eine Geschichte aus “Weltenbruch”, dem Vorgänger unseren aktuellen Projekts. Dort erzählen wir in drei Geschichten wie es zu dem Ereignis kam, das der Ausgangspunkt unserer Geschichtensammlung “Weltenbruch - Das Mal der Sonne” ist.
Auf Instagram konntet ihr in den letzten Tagen abstimmen, welche Geschichte wir daraus veröffentlichen. Ihr habt euch für "Geheimnisvoller Fremder" entschieden. Darin trifft Rayko, ein Mitglied der Stadtwache, auf Fremde, die in die Stadt Vardar wollen und ihm ein beunruhigendes Gefühl vermitteln. Welches Geheimnis verbergen sie in ihrem Inneren?
Ihr könnte die Gewinnergeschichte nun hier lesen oder ganz entspannt auf Youtube anhören.
Wenn sie euch gefällt, könnt ihr "Weltenbruch" hier erhalten. Unser Crowdfunding, bei dem wir für die Veröffentlichung von "Weltenbruch - Das Mal der Sonne" sammeln, findet ihr hier.

Viel Spaß!


Rayko hatte immer gehofft, dass es nie so weit kommen würde. Toyan zog sich die Henkershaube über den Kopf, nahm die Fackel aus der Halterung und schritt zum Scheiterhaufen hinüber. Drohend stand der rote Mond über ihnen. Nayden war ganz oben auf dem trockenen Holz an einen Pfahl gebunden worden und blickte jetzt auf seinen langjährigen Freund hinab. Er wusste, was ihn erwarten würde und hatte sich bereits damit abgefunden. Die Menge grölte und es fiel Rayko schwer stillzustehen. Egal wie viel Mühe sich sein Volk gab, die Menschen in die richtige Richtung zu lenken, kaum etwas konnte sie so in seinen Bann ziehen, wie eine Hinrichtung. Zwar war das keine neue Erkenntnis, jedoch machte sich trotzdem jedes Mal Enttäuschung in ihm breit, wenn er es wieder vor Augen geführt bekam. Rayko schloss seine Hand fester um die Hellebarde und verkniff sich so jegliche Reaktion. Er durfte nicht eingreifen. Nur falls Menschen die Bühne stürmen oder andere seltsame Regeln brechen würden, war es ihm erlaubt, sich zu bewegen. Sich daran zu ergötzen, wie jemandem das Leben genommen wurde, wurde scheinbar toleriert. Nicht nur toleriert, sondern gewünscht, denn so konnte der Herrscher sein Volk von den wahren Problemen ablenken.
Ohne Nayden einen letzten Blick zuzuwerfen, legte Toyan die Fackel zwischen die trockenen Äste. Sofort züngelten die Flammen daran empor und hüllten den Wugen in Feuer und Rauch. Zuerst schützte er sich noch mit seiner Magie gegen die Hitze, dann begann er zu schreien. Anfangs nur vereinzelt, bis sich seine Rufe zu einem grausamen Brüllen steigerten. Für Menschen galt das als Schwäche, aber Rayko verstand nicht warum. Mithilfe der Schreie konnte Nayden zumindest voll und ganz in diesem letzten Moment seines Lebens aufgehen. Eine Träne verließ Raykos Auge. Sofort schüttelte er den Kopf etwas, damit sie von seiner Wange auf den Boden tropfte. Die Bürger durften nicht merken, wie er unter dem Tod seines Freundes litt. Sein Volk musste die Fassade wahren. Dafür hatten sie jahrelang gearbeitet. Dafür starb Nayden gerade. Letztendlich verklangen seine Schreie. Zurück blieb nur das Knistern des Feuers.
Mit Naydens Tod endete der spannende Teil für das Volk, denn die Menschen verließen nach und nach den Platz. Toyan riss sich die Haube vom Kopf, warf sie auf den Boden und kam direkt auf Rayko zu. Um seine Augen lag ein von Ruß geschwärzter Rand. »Endlich sind wir wieder einen von ihnen los. Unglaublich, dass sie es jetzt schon geschafft haben, sich in die Stadtwache einzuschleichen. Jeder hier könnte einer von ihnen sein.« Er spielte seine Rolle gut und das musste er auch, denn es waren noch menschliche Soldaten anwesend.
»Grausame Zeiten«, sagte Rayko nur. Er bewunderte seinen Freund dafür, wie er die Fackel ohne zu Zögern in den Scheiterhaufen gelegt hatte. Er glaubte nicht, dass er selbst dazu im Stande gewesen wäre. Aber Toyan hatte schon immer alles getan, damit sie unentdeckt blieben. Augenscheinlich selbst, wenn das hieß, einen von ihnen hinrichten zu lassen. Wäre Toyan auch so kalt geblieben, wenn er selbst auf dem Scheiterhaufen gestanden hätte?
Sein Freund klopfte ihm auf die Schulter. »Lasst uns für einen Moment die Sorgen bei einem Bier in der Taverne vergessen.« Er hasste dieses Getränk genauso wie Rayko. Allerdings liebten es gerade die Soldaten der Stadtwache und es wäre zu auffällig, wenn sie dieses Gesöff nicht trinken würden.
»Eine gute Idee«, sagte Rayko. Eigentlich wollte er nur wieder in einen der geheimen Keller und mit Toyan in aller Offenheit über die letzten Geschehnisse reden. Da musste er sich aber wohl noch gedulden.

 

 

Die Ankömmlinge machten in einigem Abstand zu den Stadtwachen halt. Nur einer, ein großer Nordmann mit rotblondem Haar, kam auf Rayko und die anderen Wachen zu. Rayko ging ihm zwei Schritte entgegen, dann stockte er. Ein Sturm tobte in den Augen des Nordmanns und er starrte ihn mit durchdringendem Blick an. Rayko erschauderte. Es war, als würde ein seichter Wind aufkommen. Ein Nordwind - viel kälter, als er es hier gewohnt war. Die Züge des Mannes waren beherrscht, aber trotz der Abwesenheit eines Lächelns erfüllte er ihn mit einer geradezu bezaubernden Ruhe.
»Ich grüße Euch«, eröffnete der Nordmann und gab ihm einen festen Händedruck. Es fiel Rayko schwer, mit seinem Gegenüber Augenkontakt zu halten, obwohl er damit sonst nie ein Problem hatte. »Ihr seid der, dem diese Wachen hörig sind?« Die Worte des Mannes waren weich wie Seide. Während er die Frau hinter ihm in einer fremden Sprache tuscheln hörte, bemerkte er bei ihm nicht einmal den Hauch eines Akzents.
»Nein…«, stammelte Rayko. »Ich meine... Ja. Aber… Ich bin nicht derjenige, der entscheiden wird, ob ihr Vardar betreten dürft.« Er stotterte. So etwas kannte er von sich gar nicht. Er musste dringend Toyan verständigen. Er würde mit dieser Gestalt umzugehen wissen.
Der Nordmann lächelte und deutete auf die Begleitung hinter sich. »Ich bin Aelion, das sind Erlonas Ronnâsvask, Signara Rîvassmâ und Ayva Âramêa, die erst seit wenigen Wochen mit uns zieht. Wir sind Händler auf der Durchreise, sie die Tochter von Fürst Antûr Aramêus Lôrathsson.« Der Klang der Worte war von Wahrheit und Aufrichtigkeit erfüllt. Auch seine Leute machten keinen schlechten Eindruck. Die zwei Frauen spielten mit ihrem Hund, während der Mann dabei zusah. Trotzdem kam Rayko die ganze Sache merkwürdig vor.
»Einen Moment«, sagte er und hoffte, dass der Nordmann die Geduld hatte, die er ausstrahlte. »Ich muss kurz mit meinen Wachen reden.«
Aelion nickte nur und ging wieder zu den anderen Händlern zurück. Rayko atmete tief durch. Dann winkte er Andon zu sich. Der Junge durfte sie heute zum ersten Mal bei ihrem Dienst begleiten und jetzt hatte er gleich solch eine wichtige Aufgabe für ihn.
Er packte Andon an der Schulter und ging vor ihm in die Knie. Auch er schien zu spüren, dass hier etwas seltsames vor sich ging. »Hör zu. Du weißt wo Toyan wohnt?« Der Junge nickte. »Gut. Lauf so schnell du kannst zu ihm und richte ihm aus, dass er zum Osttor kommen soll. Sofort.« Andon nickte erneut und als Rayko ihn losgelassen hatte, rannte er in die Stadt.
Toyan begrüßte ihn mit einem Handschlag und verschaffte sich gleichzeitig einen Überblick. Als er anschließend auf die Ankömmlinge zugehen wollte, hielt Rayko ihn zurück. »Du weißt, ich halte mich normalerweise bedingungslos an die Vorgaben.« Toyan nickte, denn das tat er tatsächlich. »Aber bei diesen Händlern…« Rayko verzog das Gesicht und gab ihm damit zu verstehen, dass er sich wirklich Sorgen machte. »Ich habe da ein ganz komisches Gefühl. Irgendwas stimmt mit dem Nordmann nicht.«
»Was meinst du mit… irgendwas?«, fragte Toyan und musterte ihn aus der Ferne.
»Du wirst es merken, wenn du in seiner Nähe bist«, flüsterte Rayko. »Sein Auftreten, seine Ausstrahlung… Einfach alles. Wir dürfen ihn nicht in die Stadt lassen. Aber ich wollte, dass du es mit eigenen Augen siehst.«
»Das werde ich wohl nur, wenn ich mich mit ihm unterhalte«, sagte Toyan und machte sich von seinem Griff los. Rayko nickte nur worauf Toyan ihm seinen Speer in die Hand drückte. Unbewaffnet schritt er auf die Händler zu. Der Nordmann erhob sich erneut, als er den Anführer auf sich zukommen sah und ging ihm entgegen.
Selbst das Beobachten aus der Ferne löste ein unangenehmes Kribbeln auf Raykos Haut aus. Zuerst redete Toyan nur mit dem Nordmann, dann folgte er ihm zu ihren Sachen. Wollte er sie tatsächlich weiteren Prüfungen unterziehen? Wenn Toyan nur ansatzweise das spürte, was Rayko durchgemacht hatte, musste das doch ausreichen, um sie nicht nach Vardar zu lassen. Ihm blieb jetzt nichts anderes übrig, als abzuwarten und zu hoffen, dass Toyan sich richtig entscheiden und diese Leute ganz weit weg schicken würde.

Nach einiger Zeit kam der Hund der Händler auf ihn zu. Er bellte und warf sich vor ihm auf den Boden. Kurz darauf folgte ihm eine junge Frau, die aus dem Gefolge des Nordmanns stammte. Sie knickte mit ihrem rechten Bein immer wieder ein. Wahrscheinlich eine Verletzung.
»Es tut mir leid«, entschuldigte sie sich. Sogleich erkannte Rayko an ihrer Aussprache, dass Vardisch nicht ihre Muttersprache war. Sie wollte sich bücken, um den Hund zu sich zu ziehen, verzog aber nur das Gesicht und richtete sich wieder auf. »Er kann einfach nicht lange ruhig bleiben.«
»Wie ist Euer Name?«, fragte Rayko und versuchte dabei in ihre Augen zu blicken. Ihr gewelltes, dunkelblondes Haar musste ihr bis zum Bauchnabel reichen, gerade wurde es ihr aber wild durchs Gesicht geweht.
»Ayva, mein Herr«, antwortete sie und versuchte weiterhin, den Hund unter Kontrolle zu bringen.
Rayko erinnerte sich an den Namen. Es war einer von denen, die ihm der Nordmann genannt hatte. Er verbeugte sich vor ihr. »Mich nennt man Rayko. Woher kommt ihr, wenn ich fragen darf?«
Als der Hund einen Hasen entdeckte, entwand er sich ihrem Griff. Ayva gab es auf, ihn bändigen zu wollen. Sogleich sprang er hoch und tobte dem Tier hinterher. »Aus dem Norden. Könnt ihr Euren Kommandanten dazu bringen, uns in die Stadt zu lassen? Ich habe seit Tagen kaum geschlafen, geschweige denn, etwas leckeres gegessen.«
Sie band sich die Haare hinter dem Kopf zusammen, wodurch ihre blaugrauen Augen ganz zum Vorschein kamen. Sie waren durchaus schön, doch fehlte ihnen dieses Leuchten - die Lebensfreude, die sich dort bei den Menschen für gewöhnlich widerspiegelte. Sie musste in den letzten Tagen Schreckliches durchgemacht haben. Ihr flehender Blick ließ seine Brust warm werden. Zum Glück wusste sie nicht, dass er dafür gesorgt hatte, dass sie wahrscheinlich noch heute weiterziehen mussten.
»Vielleicht kann ich da tatsächlich etwas für Euch tun«, begann Rayko. »Sagt mir, was hat Euch dazu gebracht, all diese Strapazen auf Euch zu nehmen, nur um hierher zu gelangen?«
Zuerst zögerte Ayva, doch dann schien sie sich dafür zu entscheiden, ihm zu vertrauen. »Wir wurden ausgeraubt. Und verfolgt. Wir werden noch immer verfolgt.« Blanke Furcht machte sich auf ihrem Gesicht breit. Das war keine Lüge.
»Von wem?«, fragte Rayko. Wenn das stimmte, musste er darüber Bescheid wissen. Solche Menschen kamen oft in anderer Rolle ans Stadttor und versuchten so hineinzugelangen. Wäre er vorgewarnt, könnte er das verhindern. Egal ob diese Leute nun die Stadt betreten durften oder nicht.
»Sie waren zu zweit«, erzählte Ayva. »Ein Nordmann, der sich Haldîr nennt und seine rechte Hand.« Als sie fortfahren wollte, zitterten ihre Lippen. Sie schlug sich die Hände vors Gesicht und schluchzte. Rayko überlegte, ob er sie in den Arm nehmen sollte, entschied jedoch dann, dass das nicht die Aufgabe einer Stadtwache war.
Ayva wischte sich die nassen Hände an ihrer Kleidung ab und sah ihn mit geröteten Augen an. »Er ist ein Schänder und Mörder.«
»Ich verspreche Euch«, sagte Rayko, sah ihr tief in die Augen und legte ihr eine Hand auf die Schulter, »dass wir ihn nicht hinter diese Mauern lassen werden, falls er hier auftaucht.«
»Ihr dürft ihn aber auch nicht weiterziehen lassen. Er wird nicht ruhen, bis er mich gefunden hat. Er ...« Ayvas verzweifelter Blick bohrte sich in Raykos Brust. Er wollte ihr helfen. Jedoch gab es in Vardar bereits zu viele Gefangene, die durchgefüttert werden mussten. Seine Befehle waren eindeutig. Nur wohlhabende Händler sollten in die Stadt gelassen werden. Aber das musste Ayva nicht wissen.
»Wie kann ich Haldîr erkennen?«, fragte Rayko und bemühte sich um ein vertrauenswürdiges Lächeln. Sofort sah er Dankbarkeit in ihren Augen aufblitzen.
»Er müsste ungefähr in Eurem Alter sein, ist aber deutlich größer. Sein fettiges, braunes Haar wächst ihm bis über die Schultern. Er hat sich zwei Zöpfe geflochten. Einen für jeden Menschen, den er kaltblütig ermordet hat.« Ihre Pupillen verengten sich und es wirkte, als würde sie durch Rayko hindurchsehen. Gleichzeitig verhärteten sich ihre Gesichtszüge mit jedem weiteren Wort. »Seine Augen sind dunkelblau, sein Bart dicht und lang. Das sollte reichen.«
»Wir werden ihn bestrafen«, sagte Rayko.
Ayva fiel ihm in die Arme. Damit hatte er nicht gerechnet. Verhalten erwiderte er die Geste. »Vielen Dank«, flüsterte sie ihm ins Ohr und löste die Umarmung wieder. »Ich glaube, ich sollte nach meinem Hund sehen.«

Noch lange hatte Toyan mit dem Nordmann diskutiert. Manchmal waren sie so laut geworden, dass Rayko etwas verstehen konnte, aber mehr als ein paar Wortfetzen, die er nicht einzuordnen vermochte, waren es nicht gewesen. Schließlich kam Toyan zu ihnen zurück. Rayko traute seinen Augen nicht, als er sah, wie der Nordmann seine Leute anwies, die Sachen zu packen und ihm zum Tor zu folgen.
»Was soll das?«, fragte Rayko an Toyan gewandt. Er nahm ihn gar nicht wahr. Ihm schienen tausend Gedanken durch den Kopf zu gehen. Was hatte er gerade eben erfahren?
»Öffnet das Tor!«, rief er. Die Wachen gehorchten ihm, nur Rayko blieb wie angewurzelt stehen, als er begriff, was sein Freund vorhatte.
»Du willst ihnen wirklich Einlass gewähren?«, fragte er. Seine Beine wurden weich, als sich der Nordmann ihm erneut näherte.

 

 

Tatsächlich hatte es nur zwei weitere Tage gedauert, bis sich Ayvas Warnung bezahlt gemacht hatte. Schon aus der Ferne erkannte Rayko Haldîr an den Zöpfen, die sie beschrieben hatte. Sein markantes Gesicht umrahmte ein dichter aber durchaus gepflegter Vollbart. Er wurde von einem Mann mit verrücktem Blick und wuchernder Gesichtsbehaarung begleitet. Das musste wohl seine rechte Hand sein. Beide waren in edle Kleidung gehüllt. Als sie näher kamen, erkannte Rayko, dass um seinen Hals das Fell eines Tieres lag, wahrscheinlich das eines Wolfes. Diesmal würde Rayko nicht nach Toyan schicken. Er hätte sich auch selbst um den Nordmann kümmern sollen. Er glaubte immer noch fest daran, dass es ein Fehler gewesen war, ihn hinter die Mauern zu lassen. Zwar hatte Toyan ihm noch erklärt, dass er sich nicht einfach so gegen die Befehle Kosyos stellen konnte, die eindeutig vorschrieben, dass Händler nach Vardar gelassen werden sollten, jedoch glaubte er, dass es noch irgendeinen anderen Grund für seine Entscheidung gegeben hatte.
»Ich grüße Euch Wache«, eröffnete Haldîr das Gespräch in perfektem Vardisch und verbeugte sich vor Rayko, der die Geste sogleich erwiderte. »Wir kommen aus dem fernen Norden und würden gerne die Nacht in der Stadt verbringen«
»Wie wäre es, wenn Ihr mir erst einmal Euren Namen nennt, Herr?«, fragte Rayko. Zwar wusste er bereits, dass er Haldîr das Tor nicht öffnen würde, jedoch wäre es besser, wenn er ihm auch einen nachvollziehbaren Grund dafür lieferte. Zum Glück waren solche Gründe bei Nordmännern seiner Art normalerweise nie schwer zu finden.
»Ich bin Haldîr Ârnonsson, Fürst von Vêhmenhâven, Bezwinger der See und Herr des Westwaldes.« Er öffnete seinen Mantel und deutete auf seinen Begleiter, der ihn schief anlächelte. »Und das ist Oskâr, meine rechte Hand.«
Da hatte Rayko schon etwas gefunden. »Meines Wissens nach ist Antûr Aramêus Lôrathsson der Fürst von Vêhmenhâven. Ist ihm etwas zugestoßen?«
Haldîr riss die Augen auf. Er hatte wohl nicht damit gerechnet, dass Rayko dieses Reich, welches so weit im Norden lag, kannte. »Ihr scheint weit herumgekommen zu sein. Tatsächlich habe ich sein Reich vor kurzem… sagen wir... übernommen.« Er zwinkerte Rayko zu.
Warum machte er es ihm so einfach? »Ihr habt ihn umgebracht«, sagte er trocken, doch Haldîr grinste ihn nur weiter an. »Vielleicht mag das im Norden keine große Sache sein, Haldîr Ârnonsson. Aber hier im Süden wird ein solches Vergehen mit dem Tode bestraft und nicht gerühmt.«
Jetzt verschwand das Grinsen aus Haldîrs Gesicht. Er schien wirklich erzürnt darüber zu sein, dass Rayko ihn nicht für seine Taten bewunderte, sondern verurteilte.
»Sollte es nicht immer der Stärkste und Klügste sein, der das Reich regiert?«, fragte er dann. Als Rayko jedoch keine Miene verzog, fügte er hinzu: »Wir werden nur eine Nacht in Vardar bleiben und ziehen schon mit dem Aufgehen der Sonne weiter. Was sollen wir in dieser Zeit schon anrichten?«
»Es tut mir leid«, antwortete Rayko und schnippte mit den Fingern, woraufhin die Wachen sich hinter ihm postierten. »Ich habe die Anweisung Leute wie Euch nicht hinter diese Mauern zu lassen. Ihr werdet sicherlich woanders unterkommen.«
»Nun gut.« Haldîr grinste jetzt wieder. »Wir werden also eine weitere Nacht in der Wildnis verbringen. So soll es sein.«
Dann wandte er sich von Rayko ab und zog Oskâr hinter sich her, der ihn immer noch mit verrückten Augen anstarrte. Irgendwie hatte der Nordmann erstaunlich schnell nachgegeben. Zu schnell.

 

 

Einige Wochen später

»Gestern wurde einer der Wachtürme gestürmt«, sagte Dako und deutete dabei mit dem Finger auf die Stadtkarte. »Zuerst haben sie die Soldaten vor den Toren hinterrücks ermordet und dann die Tür eingeschlagen. Um die Wachen auf dem Turm mussten sie sich gar nicht mehr kümmern. Sie haben einfach ein Feuer gelegt und ihn in Flammen aufgehen lassen. Die Wachen sind alle verbrannt. Sie haben sie behandelt, wie diese Hexen. Wie können sie das unseresgleichen antun?«
»Danke für die Meldung, Soldat!«, erwiderte Toyan und klopfte ihm anerkennend auf die Schulter. »Geht zurück auf Euren Posten. Wir werden uns etwas einfallen lassen.«
»Ich habe immer an Euch geglaubt, Toyan«, sagte Dako und verkniff sich dabei die Tränen. »Aber langsam scheint es, als ob die Rebellen die Oberhand gewinnen würden.«
»Das haben wir schon oft gedacht«, versuchte Toyan ihn zu beruhigen. »Wir werden sie auch diesmal wieder zurückschlagen.«
»Diesmal ist es anders.« Dako raufte sich die Haare. »Sie wirken so organisiert. Sonst sind sie manchmal sogar selbst in ihre eigenen Fallen gelaufen. Es war einfach ein reines Chaos. Das ist schon verdammt lange nicht mehr vorgekommen. Jetzt ist alles irgendwie… geordneter.«
»Soldat!«, brüllte Toyan. »Ihr dient der großartigsten Stadtwache dieses Landes! Wir lassen uns nicht von ein paar Aufständischen einschüchtern!«
»Jawohl«, antwortete Dako zaghaft. Aber Rayko spürte, dass Toyan den Funken in seiner Brust wieder entfacht hatte. Die Menschen waren so leicht zu manipulieren.
Als er den Raum verlassen hatte, drehte Toyan den Schlüssel um und setzte seinen Helm ab. »Endlich können wir die lästige Rüstung loswerden. Selbst nach all den Jahren zwickt sie noch immer ständig und überall.«
Rayko nickte zustimmend und entledigte sich ebenfalls der schweren Eisenteile. »Dako hat Recht, oder? Mir ist es auch schon aufgefallen. Etwas hat sich verändert.«
»Ja«, murmelte Toyan und starrte die Karte an, als würde sie irgendetwas vor ihm verbergen. »Ich konnte ihm das nicht sagen, denn es hätte seine Unsicherheit nur weiter bestärkt, aber es stimmt alles, was er sagte. Allmählich kann es kein Zufall mehr sein.«
»Du hast bereits eine Vermutung, oder?« Er wünschte sich, Toyan würde sich ihm wieder mehr anvertrauen. Seit ein paar Wochen hatte Rayko das Gefühl, sein Freund würde einiges vor ihm verbergen. Vielleicht machte aber auch ihm mittlerweile dieser immer stärker werdende Drang zu schaffen. Lange wollte Rayko nicht an das glauben, von dem all die Flüchtenden gesprochen hatten, die an den Toren Vardars vorbeigezogen waren. Jeder von ihnen hatte eine andere Erklärung dafür gehabt, aber in einem waren sich alle einig. Es würde stärker werden. Es würde so schlimm werden, dass es sie wahnsinnig machte, wenn sie nicht in den Westen flohen. Deshalb wollten einige erst gar nicht in Vardar bleiben. Rayko war dann immer nur froh gewesen, denn hier gab es so gut wie keinen Platz und noch mehr Menschen bedeuteten nur noch mehr Chaos, dass sie irgendwie unter Kontrolle bringen mussten.
»Ja«, sagte Toyan letztendlich, runzelte aber gleichzeitig die Stirn. »Sieh es dir an. Bis vor Kurzem haben vereinzelte Aufständische zur gleichen Zeit an verschiedenen Orten der Stadt für Unruhen gesorgt. Fast immer konnten die Soldaten sie zurückdrängen, da sie voller Panik und ohne jede Organisation vorgegangen sind. Das hat sich eindeutig geändert.«
Rayko wusste, wovon er redete. Das war nichts Neues. Aber wie sollte sie das weiterbringen?
»Lass es uns noch einmal durchgehen«, sagte Toyan.
»Was sollte diesmal anders sein?«, fragte Rayko. Wie oft hatte er schon mit Toyan stundenlang über der Karte gesessen und nach etwas gesucht, was es vielleicht gar nicht gab. Sie wussten ja nicht einmal, nach was sie genau suchten.
»Es ist ein weiteres Ereignis hinzugekommen«, erklärte Toyan. »Irgendwann müssen sie einen Fehler machen.«
Erneut sprachen sie über alles, was die letzten Wochen geschehen war, bis sie wieder zu dem Vorfall mit dem Wachturm kamen.
»Sie haben sich an die Wachen herangeschlichen, sie heimlich umgebracht und den Turm in Brand gesetzt«, wiederholte Rayko, was Dako ihnen gesagt hatte.
Damit wollte sich Toyan nicht zufriedengeben. »Warum haben die Bogenschützen auf dem Turm nicht reagiert?«
»Was meinst du?« Rayko verstand nicht. »Wahrscheinlich haben sie davon nichts mitbekommen?«
»Das kann sein…« Toyan kratzte sich am Kopf. »Aber sie müssen doch gehört haben, wie das Tor eingeschlagen wird. Dann sollte genug Zeit bleiben, sich in Position zu bringen und die Angreifer von oben zu erschießen.«
Das war tatsächlich merkwürdig. Jeder Turm war mit Bogenschützen besetzt, das war sogar eine Anweisung des Königs gewesen.
»Sie müssen die Schützen also vorher weggelockt haben«, sagte Toyan und wühlte in verschiedensten Dokumenten, die rund um die Karte am Tisch verteilt lagen. »Wo ist die verdammte Liste mit Straftaten, die an diesem Tag begangen wurden?« Kurz darauf schien er sie gefunden zu haben, denn er blieb an einem Zettel hängen. »Tatsächlich.«
Rayko konnte sich nicht erklären, was ihm aufgefallen sein mochte. Er schaute seinen Freund nur fragend an. Toyan lächelte. »Kurz bevor die Aufständischen den Turm gestürmt hatten, war ganz in der Nähe ein Dieb über die Dächer der Stadt geflohen. Allerdings ist er entkommen, da er in einen weiteren Aufstand geflüchtet ist. Darum müssen sich die Bogenschützen des Turms gekümmert haben.«
»Das kann kein Zufall sein. Aber wer sollte soetwas organisieren?«, fragte Rayko, der zwar ahnte, worauf Toyan hinauswollte, es jedoch nicht glauben konnte.
»Die Rebellen müssen einen einzigen Anführer haben«, sagte sein langjähriger Freund. »Ein Mann konnte sich durchsetzen und diese chaotischen Gruppierungen vereinen. Wahrscheinlich agiert er nur im Verdeckten.« Dann schaute er Rayko in die Augen. »Wenn wir an ihn herankommen, sind die Rebellen verloren.«
»Wir müssen herausfinden, wo sie ihr Versteck haben«, führte Rayko den Gedanken weiter. »Es gibt einen Ort, an dem alles zusammenläuft.«
»Gib mir zwei Tage«, sagte Toyan. »Dann weiß ich, wo sie sich verkriechen.«

 

 

»Macht Platz!«, schrie eine Wache. Rayko wurde von den zurückweichenden Menschen zur Seite gedrängt. Was war hier los? Wahrscheinlich hatten sie wieder einen Aufständischen festgenommen. Vielleicht hatte Toyan ja sogar schon ihren Anführer ausfindig machen können. Rayko nutzte seinen Status als Stadtwache und drängte sich zu seinen Kameraden durch. Zu seinem Erstaunen war es kein Rebell, der da zwischen den Soldaten in Ketten ging. Es war Toyan!
»Halt!«, schrie Rayko und stellte sich den Wachen entgegen. »Was hat das zu bedeuten?« Toyan sah ihm gefasst entgegen. Fast so, als hätte er schon gewusst, was ihn erwartete.
»Befehle von ganz oben«, antwortete eine der Wachen nur und stieß Rayko zur Seite.
»Warum wurde ich davon nicht in Kenntnis gesetzt!«, brüllte er. »Das muss ein Fehler sein! Wie könnt ihr das machen, jahrelang habt ihr unter Toyan gedient.«
»Befehl ist Befehl, mehr wissen wir auch nicht«, sagte eine der anderen Wachen.
Manchmal trieben ihn die Menschen zur Weißglut. Wie konnte man nur nichts von dem hinterfragen, was einem aufgetragen wurde?
»Dann befehle ich Euch nun, Toyan auf der Stelle freizulassen«, sagte Rayko. »Das muss ein Irrtum sein, ich werde selbst mit Kosyo reden.«
Jetzt lachte die erste Wache. »Ihr könnt mir in dieser Sache nichts vorschreiben. Kosyo hat damit nichts zu tun. Ich sagte doch. Befehl von ganz oben.«
Das musste bedeuten, dass Bevar-Ahn selbst dies angeordnet hatte. Sie waren enttarnt worden. Irgendwie musste der Seelengebieter herausgefunden haben, dass ein großer Teil der Stadtwache von einem Wugen angeführt worden war. Er würde jetzt jeden einzelnen von ihnen überprüfen.
»Ist schon gut«, sagte Toyan, worauf ihm eine der Wachen in den Bauch schlug. Er krümmte sich vor Schmerz, richtete sich aber gleich wieder auf. »Der Zettel mit den Straftaten. Er liegt in der Schublade unter dem Tisch.«
Jetzt trat ihm die Wache gegen die Brust. Toyan schnappte nach Luft und brach zusammen. »Du sollst nicht reden, verdammt!«, fuhr sie ihn an und erhob drohend die Faust.
Warum sollte Toyan ihm von diesem Zettel erzählen? Natürlich war es wichtig, dass die Straftaten weiterhin dokumentiert wurden und er war dafür zuständig, aber es gab unzählige andere Dinge, die nach seiner Abwesenheit ebenso geklärt werden mussten. Gerade hoffte Rayko jedoch noch, dass es nie dazu kommen würde. Vielleicht hatte er ihm einen Hinweis hinterlassen. Einen Hinweis auf das, was hier los war.

 

 

Tatsächlich fand Rayko eine handgeschriebene Notiz in dem zusammengefalteten Dokument. Gespannt begann er, die hektisch geschriebenen, wugischen Schriftzeichen zu entziffern.

Ich hoffe, du wirst das niemals lesen, mein Freund, denn dann müssen drastische Maßnahmen ergriffen werden. Ich habe etwas getan, das sehr riskant war, aber getan werden musste. Die Auswirkungen kann ich noch nicht ganz vorhersehen.
Wichtig ist, dass du meinen Posten einnimmst. Damit meine ich nicht, dass du einer der Kommandanten der Stadtwache werden sollst, sondern Anführer der Wugen in Vardar. Trotzdem bitte ich dich noch, einige letzte Befehle von mir auszuführen.
Ziehe nach und nach alle Wugen aus den öffentlichen Positionen zurück, ab jetzt werdet ihr nur noch im Untergrund agieren. Es ist zu gefährlich, denn sie wissen, welch hohe Machtpositionen wir bereits innehatten. Nutzt die geheimen Keller, um euch zu verstecken, niemand wird euch dort finden. Vorerst.
Ich weiß, wo sich der Kopf der Rebellen versteckt und habe es auf der Karte markiert, allerdings ist es beinahe unmöglich, dort unbemerkt hineinzukommen. Ich überlasse dir die Entscheidung, was du mit dieser Information machst.
Wichtiger ist aber, dass Bevar-Ahn die Stadt bald verlassen wird. Ich meine nicht, dass er wieder in einen großen Krieg zieht und dann zurückkehrt… Ich meine, dass jemand seinen Palast zerstören und ihn für immer von hier forttreiben wird. Ganz ohne unser Zutun. Wenn das geschieht, muss es dir gelingen, das ausbrechende Chaos zu kontrollieren. Du musst es schaffen, dass die Menschen erkennen, welche Möglichkeiten ihnen jetzt offenstehen und sich friedlich voneinander trennen. Du musst meine Lebensaufgabe zu Ende führen, Rayko!

Toyan
Verbrenne diesen Zettel!

Als sich Rayko sicher war, dass er sich alles eingeprägt hatte, hielt er die Nachricht über die brennende Kerze. Sogleich verschlangen die Flammen sie, übrig blieb nur Asche. Anschließend kramte er die Karte hervor. Tatsächlich hatte Toyan darauf ein Gebiet eingekreist. Er ließ sich in den Stuhl sinken und atmete tief durch.

 

 

Geknebelt und gefesselt stand Toyan auf dem Scheiterhaufen. Er würde ihn nicht sehen, denn Rayko war in einigem Abstand auf die Dächer der Stadt geklettert. Zuerst hatte er einfach im Keller bleiben und vergessen wollen, was jetzt gleich geschehen würde, doch irgendwie dachte er dann, er wäre es seinem Freund schuldig zuzusehen. Die Nachricht hatte eindeutig gezeigt, dass es keinen Wugen gab, dem Toyan je mehr vertraut hatte, als ihm. Auch wenn er ihm vielleicht nicht immer alles erzählt hatte. Jeder durfte Geheimnisse haben. Und jetzt stand er dort auf einem Haufen aus Holz und würde in Flammen aufgehen.
Rayko musste daran zurückdenken, wie das alles angefangen hatte. In der geheimen Hauptstadt seines Volkes, hatten sie diesen Einsatz damals gemeinsam geplant. Toyan hatte ihn von Anfang an mit seinen Visionen mitgerissen und Rayko musste nicht lange überlegen, als er ihn letztendlich gefragt hatte, ob er mit ihm gehen würde. Mitten in die Hauptstadt des mächtigsten Seelengebieters. Er lachte, denn obwohl er jetzt wusste, dass die meisten ihrer Pläne funktioniert hatten, wirkte es aus damaliger Sicht noch immer verrückt. Sie beide waren die ersten ihres Volkes gewesen, die sich unter die Menschen in Vardar mischen sollten. Da es geklappt hatte, waren über die nächsten Jahre immer mehr Wugen zu ihnen gekommen. Zwar hatte Toyan ständig davon geredet, dass er eines Tages die Stadtwache befehligen, den dämonischen Geist vertreiben und die Menschen befreien würde, doch Rayko hatte nie zu hoffen gewagt, dass seine Pläne tatsächlich vollständig aufgehen könnten. Und jetzt würde er sterben, kurz bevor sich der letzte Teil seiner Vision erfüllen konnte. Zumindest, wenn man Toyans letzten Worten Glauben schenkte und das tat Rayko. Er würde zu Ende bringen, was sein Freund begonnen hatte.
Flammen loderten empor.
Als die Schreie verstummten, wandte sich Rayko mit Tränen in den Augen ab. Wenn die Zeit gekommen war, würde es ihm gelingen. Er würde dafür sorgen, dass die Menschen sich im Chaos nicht selbst vernichteten. Das schwor er sich.

 

 

Ein Beben und Donnern riss Rayko aus dem Schlaf. Zuerst dachte er, er hätte nur schlecht geträumt, doch als er sich aufgerichtet hatte, wiederholte es sich. Er wurde von den Beinen gerissen und schlug mit dem Kinn am Boden auf. Binnen weniger Augenblicke sammelte sich eine Blutlache vor ihm. Was war hier los? Mittels Magie verschloss er die Wunde, rappelte sich auf und hielt sich am Tisch fest. So konnte er sich beim nächsten Beben gerade eben auf den Beinen halten. Er harrte noch einen Moment aus und wagte es erst dann, seine Rüstung anzulegen.
Als er vor die Tür trat, begannen die Alarmglocken zu schlagen. Überall in der Stadt brannte es und Menschen liefen durcheinander. Eine Mutter rannte mit einem Kind auf dem Arm direkt an ihm vorbei und deutete zum Palast hinauf. Auch dort loderte das Feuer hell in der Nacht. Dann gab es wieder einen Knall und die Erde zitterte. Rayko fiel auf den Rücken, doch wandte seinen Blick nicht vom Palast ab. Irgendetwas hatte ein Loch in seine Mauern geschlagen. Trümmer fielen über die Berghänge hinab und verschwanden in der Dunkelheit. Hastig versuchte er einen klaren Gedanken zu fassen. Jemand stolperte nur knapp über ihn hinweg. Er zog den Kopf ein und kroch zurück an die Hauswand. Die einzige Macht, die hier zu so etwas fähig war, war der Seelengebieter selbst. Aber warum sollte er seinen eigenen Palast zerstören?
Die Ruhe währte nur kurz, dann brach erneut etwas vom Palast herab und ein schwarzer Dunst stob daraus hervor. Tatsächlich. Irgendetwas musste das Monster aufgeschreckt haben. Es wirkte, als würde es mit jemandem kämpfen. Mit jemandem, der seiner Macht ebenbürtig war.
Hatte Toyan das mit seinen Worten gemeint? War wirklich etwas gekommen, das Bevar-Ahn verscheuchen konnte? Dann war das der Zeitpunkt, an dem es galt, das Chaos zu verhindern. Eine Aufgabe, die im Moment unmöglich schien. Gerade zog ein älterer Mann einer Frau ein Holzscheit über den Kopf und riss ihr anschließend ihre Geldbörse vom Gürtel, ohne, dass ihn jemand daran hinderte.
»Rayko!« Dolyr kam mit seiner Einheit auf ihn zu. »Irgendetwas geschieht am Palast. Vardar versinkt im Chaos!« Als er bei ihm angekommen war, packte er seine Hand und zerrte ihn nach oben. Lange hatte Rayko diesen Wugen nicht mehr gesehen.
»Beruhigt Euch.« Das war leicht gesagt, doch selbst er musste gerade kreidebleich aussehen. Wäre Toyan nur hier. »Nennt mir die Fakten.«
»Wir wissen selbst noch nicht viel«, sagte Dolyr. »Als die Rebellen gemerkt haben, dass der Palast bröckelt, kamen sie in Massen auf die Straßen. Sie nehmen auf nichts mehr Rücksicht und immer mehr laufen zu ihnen über. Sie sammeln sich gerade vor dem Nordtor. Es scheint, als wollen sie von dort den Palast stürmen. Das Gold lockt sie.« Rayko wusste genau, dass auch Dolyr dachte, dass die Menschen einfach nur fliehen sollten. Was würde ihnen das Gold bringen, wenn der Palast zerbrach und die Stadt unter sich begrub? Nur durfte er das in Anwesenheit der Stadtwache auf keinen Fall aussprechen. Sie hatten klare Befehle. Die Menschen sollten in der Stadt bleiben. Egal, was geschah.
»Wie viele Soldaten sind dort?«, fragte Rayko. »Wie viele?!«
»Ich weiß es nicht genau«, antwortete Dolyr und überlegte kurz. »Vidyo hat seine Einheit hingeführt. Er wurde von Stoyan, Zlatko, Bogdan und deren Einheiten begleitet. Ich kann nicht sagen, wen sie noch verständigen konnten, es herrscht das reinste Chaos. Es sind sogar Einheiten zu den Rebellen übergelaufen.«

 

 

Als sie das Nordtor erreicht hatten, war es bereits gefallen. Viele Wugen, aber auch Menschen, mit denen Rayko in den letzten Jahren einiges durchgemacht hatte, lagen am Boden. Überall mischten sich verdrehte Gliedmaßen mit Gedärmen und Blut. Verdammt viel Blut. Die düstere Stille, die über dem brennenden Tor lag, wurde nur vereinzelt von einem Husten oder Röcheln durchbrochen.
»Kümmert euch um die Verwundeten!«, rief Rayko über die Schulter zurück, während er zwischen den Leichen auf das Tor zuging. Schritt für Schritt kämpfte er sich durch die abgetrennten Körperteile und versuchte dabei, auf keines zu treten. Der Gestank, der vom Boden aufstieg, drehte ihm beinahe den Magen um. Kurz darauf zogen ihn die Flammen in seinen Bann, die sich am Tor emporzüngelten und ihm umso heißer entgegenschlugen, je näher er diesem kam. Er ging weiter, bis er durch das Feuer den Weg zum Palast erkennen konnte. Schweiß tropfte ihm von der Stirn. Er sah unzählige Menschen mit Fackeln dort hinaufrennen. Ein Nordmann mit einem Fell auf den Schultern und langem, wehendem Haar führte sie an. Sein Lachen hallte durch die Nacht und seine gebrüllten Befehle trieben das Volk weiter dem Palast entgegen. An seiner Seite stand ein kleiner, bärtiger Mann.
Dann erinnerte sich Rayko. Das mussten Haldîr und seine rechte Hand sein. Er hatte sie doch fortgeschickt. Irgendwie mussten sie dennoch in die Stadt gekommen sein und scheinbar waren sie dort auch länger, als nur eine Nacht geblieben. War wirklich er derjenige, dem gelungen war, was all die Jahre niemand geschafft hatte? Hatte er die Rebellen geeint und organisiert? Das hätte ihm in dieser kurzen Zeit nicht gelingen dürfen. Immerhin war er als völlig Fremder nach Vardar gekommen. Aber wie war er überhaupt in die Stadt gelangt, wenn er ihn doch ihrer verwiesen hatte? Das Tor wurde durchgehend bewacht. Ganz Vardar umgab eine hohe Mauer, die ebenfalls jederzeit mit Soldaten besetzt war.
Rayko kam ein Geistesblitz. Tage oder Wochen später, das wusste er selbst nicht mehr genau, war eine der Wachen hinter der Mauer tot aufgefunden worden. Da die gesamte Stadtwache davon zunächst nichts mitbekommen hatte, hatten sie vermutet, dass er einfach nur unachtsam gewesen und heruntergefallen war. Das geschah hin und wieder, gerade, wenn die Wachen verbotenerweise betrunken ihre Schicht antraten. Aber womöglich war es Haldîr irgendwie gelungen, über die Mauern zu kommen und dabei nur eine Wache zu töten, ohne, dass die anderen es bemerkt hatten. Dies war zumindest die einzige Erklärung, die er dafür im Moment hatte.
Jetzt erst bemerkte Rayko, dass das Beben aufgehört hatte. Welchen Kampf Bevar-Ahn auch immer geführt haben mochte, er schien vorbei zu sein. Das war sicher auch Haldîr aufgefallen und er hatte die Rebellen sofort zum Palast geführt. Bestimmt wurde auch er von der Gier nach dem Gold getrieben.
Der Boden unter Rayko zitterte erneut. Hatte er sich getäuscht? Sein Blick suchte den Palast nach weiteren Löchern oder zumindest dem Nebel ab, als den er den Seelengebieter gesehen hatte. Doch er fand nichts dergleichen. Dann riss ihm etwas die Beine weg. Er überschlug sich in der Luft und wurde gegen die Stadtmauer geschleudert. Als er sich wieder aufgerappelt hatte, bemerkte er, dass es den anderen Soldaten genauso ergangen war. Vielleicht gab es neben dem Seelengebieter noch einen anderen Auslöser für die Beben, auch wenn er zweifelsfrei in einen Kampf verwickelt gewesen war. Gerade eben hatte es sich eher so angefühlt, als wäre es tief aus dem Berg gekommen. Auch wenn Rayko wusste, dass es nicht klug sein konnte, trieb ihn die Neugier über die Treppe auf die Mauer der Stadt. Er stemmte die Hände auf eine der Zinnen und blickte in den Abgrund. Irgendwie bildete er sich ein, dass dort Felsen aus dem Berg ragten, die es nicht geben sollte. Er kannte diese Gegend. Jahrelang hatte er selbst als Wache auf der Mauer gedient, bevor er zum Kommandanten aufgestiegen war.
Als das nächste Beben einsetzte, klammerte sich Rayko an die Zinne und beobachtete, wie sich hinter der Mauer weitere Felsen aus dem Berg schoben. Irgendwie spürte er, dass es nicht dabei bleiben würde. Er sollte die Mauer so schnell wie möglich wieder verlassen. Doch das was er sah, als er sich umdrehte, ließ ihn mit offenem Mund erstarren.
Die ganze Stadt lag zu seinen Füßen. So weit seine Augen reichten, brannten Häuser und stieg Rauch in die Luft. Überall drängten sich Menschen durch die engen Straßen und fielen übereinander her.
Am anderen Ende Vardars tat sich ein Riss im Boden auf. Zuerst zog er sich nur langsam über eine Straße und war kaum zu sehen, dann begann er immer schneller vorzudringen. Gleichzeitig bildeten sich von ihm ausgehend stetig neue Verästelungen, die sich in alle Teile Vardars weiter verzweigten. Die Größten wuchsen zu ganzen Schluchten heran. Sie verschlangen alles, was ihnen im Weg stand. Häuser brachen in sich zusammen und verschwanden vollständig darin. Menschen wurden in ihren Abgrund gerissen, während sie miteinander rangen. Ein Wuge sprang verzweifelt vom Ostturm. Kurz darauf brach dieser in der Mitte auseinander und versank in den dunklen Tiefen einer Schlucht. Zudem hob sich in der gesamten Stadt Gestein aus dem Boden, bohrte sich durch Straßen und Häuser und sorgte für noch mehr Zerstörung. Über all das warf der blutrote Mond seinen drohenden Schein.
Ich habe versagt! Hier gibt es nichts mehr, was gerettet werden kann. Sie werden alle sterben.
Rayko fiel auf die Knie, zog sich den Helm vom Kopf und brach in Tränen aus. Alles umsonst. Jahrelange Vorbereitungen. Für nichts. Was sollten sie auch gegen solche Mächte ausrichten?
»Perotecc!«, brüllte er dem roten Mond entgegen, dessen Umrisse hinter seinen Tränen verschwammen. »Ich bin zu schwach, für die Aufgabe, die du uns auferlegt hast! Es tut mir leid!« Seine Stimme senkte sich zu einem zaghaften Flüstern und war nun mehr an seinen toten Freund gerichtet als an seinen Schöpfer. »Es tut mir so leid.«
Ein ohrenbetäubender Knall ließ Rayko herumfahren. Die Mauern des Palasts zerbarsten. Unzählige Trümmer stoben über die Hänge hinab. Münzen und andere Schätze schossen in Strömen daraus hervor und ergossen sich über den Gipfel. Manche Rebellen warfen sich zu Boden, andere versuchten zurück in die Stadt zu rennen. Als die Liegenden bemerkten, dass Schätze in Massen auf sie zukamen, sprangen sie auf, aber es war zu spät. Das Gold holte sie ein, riss sie mit sich und bestrafte sie für ihre Habgier. Nur wenige entkamen seinen Fängen.
Kurz bevor diese die Stadt erreichten, löste sich der Weg unter ihren Füßen. Über seine gesamte Länge schlitterte Stein und Erde den Hang herab, genau auf die Mauern Vardars zu. Beinahe alle Rebellen wurden von dem Geröll mitgerissen und stürzten in die Tiefe. Ihre verzweifelten Todesschreie gingen in dem tosenden Lärm der Naturgewalt unter. Nur ein Dutzend entkam dem Erdrutsch und hechtete durch das brennende Nordtor in die Stadt. Dann krachte die Felsmasse gegen die Stadtmauer.
Mit leerem Blick sah Rayko Trümmer durch die Luft fliegen. Kurz darauf bildete sich eine dichte Staubwolke, wo gerade noch das Nordtor gestanden hatte. Die Zeit schien stillzustehen. Unfähig sich zu bewegen spürte er, wie die Mauer unter ihm brach und sich in Richtung Stadt neigte. Er versuchte gar nicht erst, sich irgendwo festzuhalten, sondern entspannte alle Muskeln, sackte in sich zusammen und rollte von dem kippenden Wehrgang. Sein Blick heftete sich im Fallen an den roten Mond, bis dieser von einem großen Trümmerteil verdeckt wurde. Dunkelheit umfing ihn.

 

 

»Wach auf!« Rayko spürte einen stechenden Schmerz an seiner Wange. Er blinzelte, bis er sah, wer da mit ihm sprach. Dolyr holte erneut mit der flachen Hand zum Schlag aus. »Er kommt wieder zu sich!«
»Ist es vorbei?«, fragte Rayko nur. Er wollte sich gar nicht aufrichten.
»Nicht solange wir noch am Leben sind!«, schrie Dolyr ihn an. »Selbst Toyan hätte all das nicht verhindern können. Doch hätte er aufgegeben?«
Rayko schluckte. Er kannte die Antwort, aber konnte sie nicht aussprechen.
»Es gibt noch eine Möglichkeit, einige Menschen zu retten! Das ist jetzt unsere Aufgabe! Wir können das Chaos nicht aufhalten, aber wir können so viele wie möglich aus der Stadt führen!«
»Der Fluss!« Rayko wusste sofort, woran Dolyr dachte und das Feuer kehrte in seine Augen zurück. »Wenn es noch einen Weg gibt, die Stadt schnell genug zu verlassen, dann über den Lazar.«
Er sprang auf und verbannte den Schmerz, der durch seine Glieder fuhr. »Zum Fluss!«, brüllte er den Soldaten zu. »Nehmt jeden, den ihr aus den Flammen retten könnt, mit euch!«
Mit neuer Kraft humpelte Rayko voran. Unzählige Leichen bedeckten die Straßen. Nur noch vereinzelt versuchten Menschen dem sicheren Untergang zu entkommen, doch sie wussten nicht, wohin sie fliehen sollten. Rayko bedeutete ihnen allen mitzukommen.
Der Moment der Ruhe währte nicht lange. Direkt neben Rayko riss der Boden auf. Ohne nachzudenken sprang er zur Seite und wurde durch die Luft geschleudert. Kopf voraus raste er auf eine Hauswand zu. Im letzten Augenblick konnte er die Arme nach vorne reißen. Der Aufprall stauchte seinen gesamten Rücken zusammen und ein stechender Schmerz schoss in seinen linken Unterarm. Kurz darauf lag er verdreht am Boden. Dichter Staub stieg um ihn auf und brachte ihn zum Husten. Er drehte sich herum, stützte sich mit dem rechten Arm am Boden ab und spuckte aus. Hastig tastete er seinen verletzten Unterarm ab. Schon bei der kleinsten Berührung entfuhr ihm ein Schrei. Er war gebrochen.
Als sich der Staub allmählich legte, fand er sich vor einer eingestürzten Hauswand wieder. Rayko stemmte sich auf die Beine und blickte sich um. Seine Soldaten lagen stöhnend zwischen den Trümmern im Dreck, suchten sich nach Verletzungen ab und versuchten sich gegenseitig aus den Steinen zu befreien. Ihnen allen stand die Verzweiflung ins Gesicht geschrieben. Aber sie würden es schaffen. Sie konnten noch entkommen, wenn sie nur den Fluss erreichen würden.
»Weiter Männer!«, brüllte Rayko. »Es kann nicht mehr weit sein!«
»Rayko!« Dolyr starrte ihn mit verdrecktem Gesicht an. Über seinem linken Auge klaffte eine blutende Wunde. Er kniete am Boden und zerrte an einem Teil der eingebrochenen Hauswand. »Hier wurde eine Frau eingeklemmt! Sie lebt noch, wir müssen sie mit uns nehmen!«
Rayko ließ die Schultern hängen. Das Trümmerteil bewegte sich trotz Dolyrs Bemühungen kein bisschen. Und das würde es auch nicht, selbst wenn sie alle daran zerrten. Es war viel zu groß, doch das wollte Dolyr nicht einsehen. Rayko kämpfte sich durch den Schutt und zuckte zusammen, als er das Gesicht der Frau sah. Ihr gewelltes, dunkelblondes Haar war von dem Blut durchzogen, das aus ihrer Schläfe sickerte. Ayva lächelte verzweifelt, als Rayko neben ihr auf die Knie ging und nach ihrer Hand griff. Sofort klammerten sich ihre Finger um seine.
Ihre beiden Beine waren bis zur Hüfte unter dem Trümmerteil begraben. Kurz überlegte Rayko, ob er es gemeinsam mit Dolyr schaffen könnte, sie zu befreien, wenn sie Magie wirkten. Er lebte schon so lange unter den Menschen, dass er diese Möglichkeit in ihrer Anwesenheit normalerweise gar nicht mehr in Betracht zog. Immerhin konnte ein Fehler ausreichen, um auf dem Scheiterhaufen zu verbrennen. Aber war das jetzt noch wichtig?
Mit schwacher Stimme versuchte Ayva ihm irgendetwas zu sagen, doch er konnte es nicht verstehen. Erst als er sich über sie beugte drangen ihre Worte zu ihm vor. »Ich verzeihe Euch.« Verzeihen? Rayko verstand nicht und sah sie nur mit zusammengezogenen Augenbrauen an. »Ich verzeihe Euch, dass Ihr ihn hereingelassen habt. Es hätte nichts geändert.« Sie lachte schwach, dann verschluckte sie sich und hustete. Sie sprach von Haldîr. Er hatte ihn nicht in die Stadt gelassen, aber was spielte das schon für eine Rolle? Rayko gestand sich ein, dass ihre Beine unter dem Trümmerteil so zerquetscht sein mussten, dass sie an den Verletzungen sterben würde, selbst wenn es ihnen irgendwie gelingen würde, sie zu befreien. Ihr den Abschied zu erleichtern war das Letzte und Einzige, was er für sie tun konnte. Kurz überlegte er, dies Dolyr aufzutragen, doch dann musste er an Toyan denken. Er hätte es selbst getan.
»Gib mir deinen Speer«, sagte er an Dolyr gewandt. Dieser senkte seinen Kopf und streckte ihm die Waffe entgegen. Rayko packte den Speer und hob ihn mit beiden Händen über den Kopf. Er versuchte Ayva in die Augen zu blicken, aber sie lächelte ihn noch immer an, als wäre nichts geschehen. Das ertrug er nicht. Also schloss er die Augen und stellte sich vor, er würde die Spitze des Speers einfach nur in den Boden rammen. Dann wurde ihm die Waffe aus der Hand geschleudert. Rayko taumelte und blickte sich erschrocken um. Der Speer lag einige Meter hinter ihm und war in zwei Teile zerbrochen. Was war gerade geschehen? Auch in den Augen seiner Kameraden machte er nur Verwirrung aus.
Die Umrisse einer großen, in einen Mantel gehüllten Gestalt zeichneten sich im Dunst ab. Als sie näher kam, erkannte Rayko die rotblonden Haare, die durch sein markantes Gesicht wehten. Aelion - der Nordmann, den Toyan vor einigen Wochen in die Stadt gelassen hatte, obwohl Rayko ihm davon abgeraten hatte, kam auf sie zu. Ihm folgte die Frau, die schon am Tor bei ihm gewesen war, von dem Mann fehlte allerdings jede Spur. Sogleich stellten sich die feinen Härchen auf Raykos Armen auf und er fühlte sich irgendwie klein und unbedeutend.
Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, streckte Aelion die Hände aus. Rayko traute seinen Augen nicht, als sich das tonnenschwere Trümmerteil wie von Geisterhand bewegte. Zuerst zitterte es nur und Ayva schrie auf. Daraufhin erhob es sich in die Luft und sank an einer anderen Stelle wieder herab. Die Menschen hinter Rayko redeten aufgebracht durcheinander und wichen einige Schritte zurück. Ayvas Beine boten einen grausamen Anblick. Sie waren seltsam verdreht und Knochen ragten an mehreren Stellen aus der zerfetzten, blutgetränkten Hose hervor.
»Ihr solltet verschwinden«, sagte Aelion in ruhigem Ton.
Rayko hielt es für seine Pflicht, auch ihm den einzig noch möglichen Weg aus der Stadt zu zeigen. »Kommt mit uns. Am Lazar liegen genug Boote, so können wir...«
Aelion hob den Finger und brachte ihn damit zum Schweigen. »Geht, Rayko, solange Ihr noch könnt. Glaubt mir, ich brauche Eure Hilfe nicht.« Er legte Ayva die Hand auf die Stirn. Sogleich verstummten ihre Schmerzensschreie und sie fiel in einen tiefen Schlaf. Dabei bemerkte Rayko, dass weder Aelion noch seine Begleitung verwundet waren. Selbst ihre Kleidung wies keinen Makel auf. Aber was war mit dem Mann geschehen?
»Wie Ihr meint...«, murmelte Rayko. Eigentlich war es ihm sogar Recht, den seltsamen Nordmann nicht länger in seiner Nähe zu wissen. Jedoch hoffte er, dass es ihm gelang Ayva irgendwie zu retten. Sie musste in ihren jungen Jahren schon einiges durchgemacht haben. Er wünschte sich, sie würde auch noch die vielen schönen Seiten eines Menschenlebens kennenlernen. Nachdem was Rayko eben gesehen hatte, zweifelte er nicht daran, dass wenn dann Aelion es war, der Ayva noch helfen konnte. Kaum zu glauben, dass er sie beinahe getötet hatte. Ein letztes Mal musterte er den Nordmann. Konnte es am Ende er gewesen sein, der mit dem Seelengebieter gekämpft hatte? Hatte Toyan in seinem Brief von ihm gesprochen? All diese Fragen brannten ihm auf der Zunge, aber ihnen blieb keine Zeit. Er würde es wohl niemals erfahren.
Rayko wandte sich zu seinen Leuten um. Einige wirkten verstört von dem, was sie gerade gesehen hatten. Ihre Kleidung war zerfetzt, die Körper von Wunden übersät und trotzdem sahen sie ihn alle mit hoffnungsvollen Blicken an. Da wurde Rayko klar, dass es noch wichtig war. Er musste sich das Wirken jeglicher Magie verkneifen. Das Gefühl, dass es einer ihresgleichen war, der sie aus diesem Chaos führte, gab ihnen Sicherheit. Rayko ballte seine rechte Hand zur Faust. »Auf zum Fluss!«

 

 

Bald erreichten sie den Lazar, doch irgendjemand machte sich an den Booten zu schaffen, die an den Stegen lagen. Damit konnte man schnell von einem Teil Vardars in einen anderen gelangen. Zwar waren diese Boote nicht dafür gedacht, doch sollte es möglich sein, darin die Stadt zu verlassen, wenn sie sich auf eine rasante Fahrt den Berg hinab begeben wollten. Auf keinem anderen Weg würden sie so schnell diesem Chaos entkommen können. Doch scheinbar hatten diese Idee bereits andere gehabt.
»Ihr da!«, schrie Rayko den Männern in den Booten entgegen. Sie waren nur zu zweit und beschlagnahmten fünf Boote, von denen drei nur mit Gold gefüllt waren. Was bildeten sie sich nur ein? »Im Namen der Stadtwache! Werft sofort all das Gold ins Wasser, hier gibt es noch Menschen, die aus der Stadt gebracht werden müssen!«
Der Größere von ihnen hob eine Fackel und drehte sich zu ihm herum. Sein langes, braunes Haar wurde ihm in sein bärtiges Gesicht geweht, doch die dunkelblauen Augen stachen daraus hervor und starrten ihn an. Zwei geflochtene Zöpfe baumelten an seinen Schläfen. Jetzt drehte sich auch der andere um und grinste ihm schief entgegen. Das waren Haldîr und seine rechte Hand.
»Ich glaube«, sagte Haldîr in bestimmendem Ton, »ich nehme lieber das Gold mit mir.« Mit dem letzten Wort warf er seine Fackel in eines der Boote, das noch leer am Steg lag. Sofort ging es in Flammen auf und hüllte auch das danebenliegende ein. Binnen weniger Augenblicke brannten alle verfügbaren Boote. Dann nahm er seinen Bogen vom Rücken.
Rayko blickte sich um. Warum waren keine Schützen unter seinen Wachen? Er riss dem Mann neben sich seinen Speer aus der Hand und schleuderte ihn Haldîr entgegen. Im letzten Moment zog der Nordmann seinen Kopf ein. Die Waffe flog über ihn hinweg und versank im Wasser. Er lachte. Hilflos musste Rayko dabei zusehen, wie der Nordmann mit seiner verrückten Begleitung die Stadt durch das Flusstor verließ.
Verzweifelt sank er erneut auf die Knie und vergrub das Gesicht in den Händen. Ein stechender Schmerz fuhr in seine rechte Schulter. Er blickte auf und sah einen Pfeilschaft daraus hervorragen. Haldir legte in der Ferne einen weiteren Pfeil an.