Nachdenklich blickte Mélia auf das unter ihr liegende Meer hinaus und fragte sich, ob außer ihrer Heimat und dem Ort der Menschenmänner dort draußen in weiter Ferne noch etwas anderes lag. Schon oft hatte sie sich diese Frage gestellt, doch gab es bisher keine befriedigende Antwort. »Natürlich nicht!«, hatte Ischýro ihr geantwortet, als Mélia ihr die Frage zum ersten Mal stellte. »Und wenn es das tun sollte, hat es uns nicht zu interessieren.« Damit war für Ischýro die Diskussion beendet. Eigentlich verstand sich die junge Amazone mit Ischýro am besten, doch jedes Mal, wenn Mél das Thema auf ihre Sehnsucht nach der Ferne lenkte, war ihre Freundin gleich viel verschlossener und verärgert. Sie sah die große, dunkelhaarige Amazone vor sich, mit dem angriffslustigen Blitzen in ihren Augen, wenn sie mit ihr sprach.»Bei der nächsten Zeremonie möchte ich auf jeden Fall mit reisen«, hatte Mélia zu Ischýro gesagt. Doch diese schüttelte nur lachend mit dem Kopf, nicht Willens zu verstehen, was Mél so sehr in die Ferne zog. Doch jedes Mal, wenn sie hoffte, endlich mitfahren zu dürfen, wurde sie nur enttäuscht. Sie wünschte sich nichts sehnlicher als das, doch niemand wollte ihr diesen Wunsch erfüllen. Bis heute wusste sie nicht warum, aber sie hatte sich auch nicht getraut weiter nachzufragen.

So stand sie da an der Klippe und lauschte dem leisen Rauschen des Meeres, welches die Wellen hunderte Meter unter ihr gegen den Felsen schlagen ließ. Der wunderschöne Sonnenuntergang, den sie genießen durfte, war der Dämmerung gewichen, die sich über der Insel ausbreitete. Die ganze Welt schien für einen Augenblick still zu stehen. Das fröhliche Gezwitscher der Vögel, das Rascheln der kleinen Tiere im Unterholz, als auch das Surren der Insekten verstummten vollends, nur das monotone Wellenrauschen war noch wahrzunehmen, schon fast provozierend kämpfte es gegen die Stille der Dämmerung an.

Es war so, als ob ihr Gott einen Schleier über die Welt legte und sie für die Nacht zur Ruhe bettete. Eine leichte Meeresbrise strich durch ihr langes goldblondes Haar und ließ die eingeflochtenen Perlen leise klimpern. Plötzlich riss ein Rascheln in den Büschen hinter Mélia sie aus ihren Gedanken und machte ihr wieder bewusst, warum sie eigentlich hier war.

Als Patrouille war sie heute Nacht ausgesandt worden um am Rande der Stadt zu wachen. Einer der wenigen Arbeiten, die sie eher ungern machte, aber für ihr Volk würde sie jede Arbeit verrichten.

Mélia drehte sich zu der Stelle um, von der das Geräusch ausging, verstärkte den Griff um ihren langen Speer und legte ihre freie Hand ruhend auf den Griff ihres Schwertes. Mit strengem Blick fixierte sie die Stelle im Gebüsch, wo sie ein wildes Tier vermutete. Langsam trat sie näher und machte sich auf einem Angriff bereit. Doch als plötzlich ein schwächliches Menschenwesen aus dem Gebüsch gestolpert kam blieb sie verwundert stehen. Damit hätte sie nicht gerechnet. Erstaunt stellte sie fest, dass es sich bei diesem Menschen um einen jungen Mann handelte, der anscheinend vor zwei Tagen mit den anderen Männern für die Zeremonie auf die Insel gebracht worden war. In der nahenden Dunkelheit der Nacht konnte sie sein Gesicht nicht gut erkennen, doch sah er sie mit einem verängstigten Blick an. Er war mit nichts weiter, als einem Lendenschurz bekleidet und musste aus dem Lager inmitten der Stadt entkommen sein, doch wie hatte er das angestellt?

Mit dem Speer deutete sie auf ihn, immer bereit zuzustechen. »Wer bist du und wie kommst du hier her?«, fragte sie ihn scharf, darauf bedacht bei der kleinsten Bewegung zu reagieren. Ihr Gegenüber schluckte, öffnete seinen Mund, schloss ihn wieder und öffnete ihn erneut, doch gab er keinen Ton von sich. Mélia trat einen Schritt auf ihn zu, so dass die Spitze ihres Speeres auf seiner Brust ruhte. »Sprich, oder möchtest du jetzt gleich von mir aufgespießt werden?« Immer noch fragte sie sich, wie dieser Mann es geschafft hatte, aus dem Lager und dem Dorf zu entkommen, ohne Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.

»Wieso sollte ich dir meinen Namen verraten, wenn ich noch nicht einmal weiß wo ich bin, und was für abstruse Dinge ihr mit mir anstellt?!« Mélia wollte gerade etwas darauf erwidern, als ihr Atem stockte. Er reckte stolz sein Kinn so nach oben, dass das Licht des Mondes, der gerade aufgegangen war, sein Gesicht aus den dunklen Schatten der Nacht holte. Er hatte ein hübsches Gesicht, dem wohl jede junge Frau verfallen würde. Mit seinen markanten Wangenknochen, dem männlichen Kinn und den mittellangen, dunkelblonden Haaren war er an dem Ort, wo er herkam bestimmt sehr beliebt bei den Frauen und sie konnte verstehen, warum er einer der Männer war, die für die Zeremonie ausgesucht wurden. Doch es war etwas anderes, was sie verstummen ließ.

Sein Blick aus tief hellblauen Augen erschütterte sie bis aufs Mark und ließ ihr einen wohligen Schauer wie warmen Honig den Rücken hinunterlaufen. Das Blau seiner Augen, so hell und klar, hatte die Farbe wie das weite Meer an einem paradiesischen Sommertag.

Gerade als sie dabei war, sich in seinen Augen zu verlieren, schoss ihr ein scharfer Gedanke durch den Sinn. ‚Sei stark! Sei auf der Hut! Und zeig NIEMALS Schwäche!‘

Sie blinzelte einmal und schluckte den Kloß herunter, der sich in ihrem Hals gebildet hatte. Dann fixierte sie ihr Gegenüber abermals. »Ich habe nach deinem Namen und nicht nach Widerworten gefragt, Bürschchen!«, erwiderte sie scharf, versuchte aber, ihm nicht direkt in die Augen zu schauen, um nicht noch einen Zustand der Schwäche zu provozieren.

Doch der Mann fing einfach nur an zu lachen, was Mélia gar nicht lustig fand. Da fiel ihr etwas auf, was sie vorher gar nicht wahrgenommen hatte. An seinen Händen klebte etwas glänzendes Dunkles. Mit einem schnellen Griff packte sie seinen Unterarm und zog ihn an sich, damit sie erkennen konnte, was da an seiner Hand klebte. Doch als sie erkannte, was es wirklich war, hätte sie ihn vor Schock fast wieder losgelassen.

Hasserfüllt starrte sie ihn an. »Warum klebt Blut an deinen Händen?«, ihre Stimme war so kalt, dass ihr selber schon ein kalter Schauer den Rücken hinunterlief. Auf einmal blieb ihm das Lachen im Hals stecken. Sein Gesicht erstarrte, als er auf seine Hände schaute. Anscheinend war ihm selber nicht ganz bewusst gewesen, dass er Blut an seinen Händen kleben hatte. So langsam fragte sich Mélia, ob der Mann vor ihr ganz Herr seiner Sinne war, oder nicht. »Nun sprich!«, forderte sie ihn noch einmal scharf auf.

Plötzlich schien er nicht mehr ganz so widerspenstig zu sein, denn er bekam keinen richtigen Satz mehr zusammen. »Ich- Ich weiß nicht- Woher- ?!« Mélia verdrehte die Augen und verstärkte ihren Griff um seinen Unterarm. »Du willst mir doch nicht etwa sagen, dass du nicht mehr weißt, wie das Blut an deine Hände gekommen ist?« Sie machte den Fehler und schaute ihm in seine Augen, um ergründen zu können, was in diesem Mann vor sich ging. Sie hätte sich schon wieder fast vergessen, wenn da nicht etwas in diesem Meeresblau aufgeblitzt hätte. Es hatte etwas Irres an sich, dieser Mann war einfach nur verrückt. Sie musste zusehen, dass sie ihn zurück ins Lager schaffte.

In dem Moment, als der Mond nun in voller Gänze über der Klippe lag und die beiden Gestalten in ein silbrig, glänzendes Licht tauchte, keuchte der Entflohene vor lauter erstaunen auf.»Mél? Bist du das Mélli?« Jetzt war sie es, die nicht ganz verstand was hier vor sich ging. Woher kannte er ihren Namen und wieso schien er sie zu kennen, aber sie kannte ihn nicht? Irgendetwas stimmte da nicht.

»Oh Gott! Endlich habe ich dich gefunden Mél und ich dachte schon, dass du tot wärst!« Sie starrte ihn nur ungläubig an. Dieser Mann wollte ihr doch nicht etwa immer noch weiß machen, dass sie ihn kennen sollte. Ihr gegenüber war wohl durch den Zauber der Verführung verrückt geworden zu sein. »Du bist doch wahnisinnig, wer bist du?!«, flüsterte sie fassungslos.

»Du, du kannst dich wirklich nicht an mich erinnern? Ich bin es, Neró. Dein Neró!«

Mélia legte ihren Kopf leicht schief und fixierte Neró mit ihren hellbraunen Augen. Doch der Name sagte ihr gar nichts, woher sollte sie ihn auch kennen? So langsam machte er ihr wirklich Angst, sie sollte ihn schnellstmöglich zurückschaffen.

Gerade als er sie flehend ansah und ihre Hand greifen wollte, handelte sie aus Reflex. Mit der flachen Seite der Lanzenspitze schlug sie ihm gegen den Kopf, sodass er bewusstlos zusammensank.

Mélia brachte Neró zum Tempel der Amazonen im Zentrum der Stadt. Jede Amazone wusste, was mit Männern passierte, die zu fliehen versuchten, dieses Schicksal würde nun auch ihm wiederfahren. Seit sie zurückdenken kann war so etwas noch nie passiert, daher konnte sie sich eigentlich auch nicht erklären, wie er es geschafft hatte.

Als sie die Stadt betreten hatte, war alles in heller Aufruhr. Doch als klar wurde, dass Mél den Flüchtling zurückbrachte, kehrte langsam Ruhe ein. Ischýro kam auf sie zu. Die junge Amazone schien aufgebracht, als sie vor ihr stehen blieb. »Du hast ihn gefunden? Gut, am besten bringst du ihn sofort zu Chrýsa.« Mélia nickte. »Das hatte ich auch vor!«

Ischýro schaute den Mann, welchen Mél hinter sich herzog, missbilligend an. »Was hast du denn mit ihm angestellt?«, fragte sie schon fast belustigt, als sie das kleine Blutrinnsal entdeckte, das an seiner Schläfe klebte. »Naja, irgendwie musste ich ihn ja transportfähig machen«, meinte Mél nur und zuckte mit den Schultern. Sie schaute auf, als die beiden den Tempel erreicht hatten. Thylia und Dáfni, zwei streng dreinblickende Amazonen, hatten Wachdienst und standen vor dem Eingang des Tempels. Sie ließen die beiden jungen Amazonen passieren, wobei Mél Néro einfach hinter sich her schleifte.

Im Inneren des Tempels war ziemlich viel los. So voll hatte Mélia ihn noch nie erlebt, wahrscheinlich schleppte sie aber den Ursprung des Chaos mit sich. Amazonen, die in ihrer Nähe waren verstummten auf einmal, als sie entdeckten, dass Mélia den Flüchtling bei sich hatte. Sie boten ihr eine Schneise, bis in die Mitte des riesigen Saales, der von einer Art Thron überwacht wurde.

Auf ihm saß Chrýsa, die Stammesführerin der Amazonen, und wurde gerade von Oraia mit goldenem Öl für die heutige Zeremonie eingerieben. Oraia war eine der schönsten Amazonen die Mél kannte, doch wurde sie wie eine Art Sklavin behandelt, weil sie noch nie auch nur ein Wort gesprochen hatte. Chrýsa war für die Zeremonie nur mit einem weißen Seidentuch bekleidet, welches sie sich als Kleid um den Körper gewickelt und mit einer Brosche befestigt hatte. Es bedeckte zwar die wichtigsten Stellen, dennoch konnte man ihre perfekten Kurven und die durchtrainierten Muskeln unter dem dünnen Stoff erkennen.

Chrýsa zeigte ihr mit einer Handbewegung an, dass sie aufhören sollte, ihren Körper mit dem Öl einzureiben und schickte sie weg. Sie selbst stand auf und stieg langsam Stufe um Stufe ihres Thrones hinab, bis sie vor Mélia stand.

»Ich bringe Euch den entflohenen Mann«, meinte Mélia ehrfurchtsvoll und verneigte sich kurz. »Das hast du gut gemacht, meine Tochter«, erwiderte Chrýsa und strich ihr sanft über die Wange.

In dem Moment stöhnte Néro vor Schmerzen auf. Chrýsas Blick schnellte zu dem Mann zu ihren Füßen und sie fixierte ihn mit so viel Hass, wie Mél ihn bei der Stammesführerin noch nie gesehen hatte. »Du bist also für den Tod meiner Töchter und Schwester verantwortlich?«, fragte ihn Chrýsa kalt.

Mélia schaute fragend zu Ischýro, die neben ihr stand, als die beiden sich zu den anderen zurückgezogen hatten. »Daher das Blut an seinen Händen?«, fragte sie murmelnd. Ihre Freundin nickte nur. »Er hat es irgendwie geschafft, beim Essen Gennaía, Afelia und Aisthysia zu ermorden.« Vor Schreck weiteten sich Mélias Augen.

»Das hat er doch nicht wirklich-… ?« Sie konnte den Gedanken gar nicht zu Ende denken. Zwar wurden alle Amazonen von Chrýsa als Tochter oder Schwester betitelt, denn so war es bei ihnen üblich, doch war Gennaía die Blutsschwester der Stammesführerin und Aisthysia eine ihrer leiblichen Töchter. »Wie hat er das denn geschafft?«, fragte Mél leise.

Ischýro zuckte nur mit den Schultern. »Das weiß keiner so genau. Er muss wohl erst Afelia überwältigt haben, als sie ihm das Essen gebracht hat. Dann ist er auf Aisthysia losgegangen, weil diese am Lager Wache geschoben hat und ihn aufhalten wollte. Und Gennaía hat sich ihm am Stadttor entgegen gestellt.« Mélia schaute fassungslos auf den sich am Boden vor Schmerzen krümmenden Néro. Sie stellte sich die Frage, wie dieser Mann so ein Blutbad anrichten konnte. Immer noch spukten die Gedanken an ihre Unterhaltung in ihrem Kopf herum. Woher kannte er ihren Namen und wieso sollte sie ihn kennen, sie hatte ihn doch noch nie gesehen, immerhin kam er doch erst vor ein paar Tagen auf die Insel.

»Haltet ihn fest«, befahl Chrýsa ihren Wachen und stieg die Stufen zu ihrem Thron empor. Thylia und Dáfni traten hervor, packten Néro unsanft und hielten den hilflosen Mann fest. Jede Amazone wusste, was jetzt kommen würde, daher war es im Tempel auf einmal totenstill. Chrýsa würde den Mann zum Tode verurteilen, so stand es in ihrem Gesetz. Er hatte versucht zu fliehen, allein auf die Tat war die Todesstrafe angesetzt, doch hatte er drei Amazonen getötet, das bringt ihm die schlimmste Todesstrafe ein, die es bei den Amazonen gab.

Doch wollte Mélia da gar nicht dran denken, denn irgendetwas in ihr wollte nicht, dass Néro starb. Dieser Gedanke machte ihr Angst, denn immerhin war er ein Mörder, also hatte er die Strafe verdient. Im Endeffekt wäre er sowieso gestorben, trotzdem wehrte sich etwas Kleines in ihr gegen die Tatsache. Sie schaute zu Chrýsa empor und wartete auf das Urteil.

»Menschenmann! Du hast es gewagt, unseren Fittichen entfliehen zu wollen! Und nicht genug, nein, du hast unsere Schwestern auf dem Gewissen. Dafür verurteile ich dich zum Tode! Chrýsa machte eine kurze Pause, da viele der Amazonen vor Begeisterung laut aufschrien. Mél war auf einmal sehr unruhig geworden, was ihr gar nicht ähnlich sah. Ischýro neben ihr war mit den anderen in Begeisterung ausgebrochen. Mélia aber stand einfach nur da und schaute auf den Mann in der Mitte des Saales, umringt von lauter Amazonen. Was hatte dieser Mann nur an sich, was sie so verunsicherte?

Chrýsa hob die Hand, damit wieder Ruhe einkehrte. Nun würde sie die Art seines Todes bekannt geben, was Mél eigentlich gar nicht hören wollte. Sie drehte sich um und wollte nur weg von hier.

»Dennoch hast du wahren Mut und Stärke bewiesen. Noch nie hat es jemand geschafft, gleich drei meiner Schwestern und Töchter zu töten. In dir fließt starkes Blut. Daher soll dich nicht der Tod durch lebendiges Verfüttern an die Hyänen ereilen, so wie es im Gesetz steht.« Mélia hielt in der Bewegung inne. Hatte sie da gerade richtig gehört? Ein leises Raunen ging durch den Saal. Jeder hatte erwartet, dass Chrýsa Néro bei lebendigem Leibe auffressen ließ, so wie es eben üblich war. Was hatte sie nur vor?

Mél drehte sich um und sah zu Néro, bei dem sie zum zweiten Mal am heutigen Abend einen ängstlichen Blick wahrnahm.

Chrýsa hob abermals die Hand, sofort trat Stille ein. Erwartungsvolle Stille, jede Amazone wollte wissen, was ihre Stammesführerin mit dem Mörder vorhatte.

»Du wirst heute, am Tag meiner Empfängnis, das Privileg haben unserer Zeremonie beizuwohnen und mir und dem stolzen Stamm der Amazonen eine starke und mutige Kämpferin schenken, als Entschädigung für deine blutrünstige Tat.« Sie breitete gutmütig ihre Arme aus, so als ob sie Néro gerade ein Geschenk der Güte gemacht hätte. Zunächst hielt die Stille im Saal an, doch dann brach Jubel aus. Alle um Mélia herum feierten die Entscheidung ihres Oberhauptes, nur sie selbst war nicht in Feierstimmung.

Chrýsa stand auf und öffnete den Verschluss ihrer Brosche, die das Seidentuch zusammenhielt, die Zeremonie würde beginnen. Der Stoff fiel leicht wie eine Feder langsam zu Boden, fast wie in Zeitlupe. Néros Augen weiteten sich. »Was?! Nein!«, schrie er auf, als die auserwählten Amazonen für die heutige Zeremonie vortraten und sich um ihn scharrten. Eine von ihnen fesselte ihm die Hände auf dem Rücken, damit er nicht schon wieder fliehen konnte. Chrýsa trat langsam auf den hilflosen Mann zu, der schon von den anderen Amazonen umgarnt wurde. Ihre mit goldenem Öl eingeriebene Haut schimmerte im blassen Licht des Tempels. Jetzt gleich würde sie ihn verführen, damit er sich gar nicht mehr wehrte, doch Mél wollte es nicht sehen. Auf irgendeine unergründliche Art und Weise empfand sie Zuneigung zu diesem Mann. Ob sie ihn nicht doch irgendwoher kannte? Warum lösten seine blauen Augen so ein Gefühl bei ihr aus? Schon alleine bei diesem Gedanken wurden ihre Knie weich. Dennoch musste sie beobachten, wie ihr Stammesoberhaupt sich langsam zu Néro hinüberbeugte, aber dieser versuchte sich mit letzter Kraft zu wehren. Auf Knien rutschte er ein paar Meter weg, jedenfalls so weit wie er kam, bis ihn eine der Amazonen festhielt.

»Nein, lasst mich«, rief er und neigte seinen Kopf nach hinten. »Oh Mél. Hilf mir doch, was habe ich dir nur getan?« Auf einmal war es wieder totenstill in der Halle. Alle Augen richteten sich auf Mélia, die wie versteinert da stand und Néro hilflos anstarrte. Selbst Chrýsas strengem Blick konnte sie nicht entfliehen. Doch irgendetwas war komisch an ihrem Gesichtsausdruck. Schlich sich Angst in ihren Blick?
»Bringt sie raus!«, befahl Chrýsa nur und wandte sich ihrem Opfer zu. Mél starrte ihr Oberhaupt verständnislos an, doch sie fing an ihn zu liebkosen und gerade als Mélia von Dáfni und Thysia ergriffen wurde, sah sie, wie sich Néros Blick veränderte. Es war nicht mehr dieses strahlende Blau in seinen Augen, nein, sein Blick wurde leer. Fast so, als würde man einem Toten in die Augen schauen. Das war der Effekt den die Verführung einer Amazone mit sich brachte. Der Mann, der ihr erlag war in seinem eigenen Körper gefangen und konnte rein gar nichts tun, fast so, als würde er von wem anders fremdgesteuert. Und als sie so sah, wie Chrýsas langes dunkles Haar auf Néros nackte Haut fiel und die beiden anfingen sich zu berühren, traf es sie wie ein Schlag.

Die warme Sonne schien auf ihr Gesicht, als Mélia über die Blumenwiese außerhalb der Stadtmauern wanderte und nach den schönsten Blumen für das Sonnenfest heute Abend suchte. Einen Tag im Jahr widmete ihr Volk der Sonne. Sie huldigten ihr und dankten ihr für ihr immerwährendes Licht, auch wenn sie jeden Tag der Nacht weicht, so strahlt sie am nächsten noch stärker und sorgt für eine reiche Ernte. Ihre Großmutter, die in der ganzen Stadt für ihre Geschichten bekannt war, hatte ihr, als Mélia noch kleiner war, immer Geschichten über die Sonne erzählt. Sie sei das strahlende innere einer wunderschönen Seele die über der ganzen Welt wacht. Und jeder Mensch, der einmal stirbt, entlässt seine Seele in den Himmel und wenn sie rein und genauso wunderschön ist, fängt sie, ebenso wie die Sonne, an zu strahlen und wird zu einem Stern.

Als kleines Kind hatte sie ihrer Großmutter natürlich alles geglaubt, was sie ihr erzählt hatte, selbst die Geschichte mit den betrunkenen Zwergen, aber sie fand es war ein tröstlicher Gedanke, dass die Seelen der Verstorbenen immer über ihre Liebsten wachen.

Verträumt pflückte sie die schönsten Blumen, mit denen sie den Markplatz für das Fest schmücken wollte. Eine warme Brise strich durch ihr blondes Haar, welches in der Sonne golden glänzte. Néro hatte ihr gesagt, dass es wie flüssiger Honig im Sonnenlicht aussah.

‚Néro‘, dachte sie und ihr Herz machte einen kleinen Hüpfer. Seit einigen Tagen schwebte sie wie auf Wolken, wenn sie an ihn denken musste und es war schwer, nicht an ihn zu denken. Immer wieder erinnerte sie sich an den Moment, als er sie am See im Wald gefragt hatte, ob sie seine Frau werden wollte. Mélia hatte ihm natürlich mit ‚Ja‘ geantwortet und war ihm überglücklich um den Hals gefallen. Und heute Abend auf dem Sonnenfest wollten sie es ihren Familien und Freunden erzählen, sie konnte es kaum noch erwarten.

Es war bereits Dämmerung, als sie mit einem vollen Korb Blumen zurück in die Stadt ging, also musste sie sich beeilen, wenn der Blumenschmuck noch pünktlich fertig werden sollte. Doch zunächst wollte sie Néro einen Besuch abstatten, daher eilte sie flinken Fußes durch die engen Gassen der Stadt, bis zu dem Haus, in dem Néro wohnte. Sie klopfte an die Tür und merkte dabei, dass diese nur angelehnt war. Vorsichtig öffnete sie die Tür.
»Néro?«, fragte sie leise und trat vorsichtig in den gedrungenen Wohnraum. Vielleicht war er ja gar nicht da? Aber würde er dann seine Tür offen stehen lassen?

Da nahm Mél ein Geräusch von oben war. Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht. Wahrscheinlich war er schon wieder am schlafen gewesen und sie hatte ihn soeben geweckt. Also stieg sie die steile Treppe in das erste Stockwerk hinauf, in dem sich sein Schlafzimmer befand. »Néro, ich bin es! Wieso musst du auch immer schlafen wenn ich komme?«, fragte sie lachend, doch als sie die Tür zum Schlafzimmer öffnete blieb ihr das Lachen im Hals stecken. Der Korb mit den Blumen fiel mit einem lauten Geräusch zu Boden und verteilte seinen Inhalt im ganzen Zimmer.

Sie musste dabei zusehen, wie Néro verschwitzt im Bett lag und dabei war eine fremde Frau zu beglücken. Sie hatte lange schwarze Haare und eine goldbraune Haut. Mél konnte ihr Gesicht nicht erkennen, denn diese Dirne hatte ihr den Rücken zugewandt. Doch Néros Gesicht sah sie eindeutig. Er starrte sie mit einem leeren Blick an, so als ob er sie nicht erkennen würde, was sie nur noch wütender machte. Die Tränen stiegen ihr in die Augen, sie machte auf dem Absatz kehrt und stürmte aus dem Haus, nur weg von hier.

Wie konnte sie nur so dumm gewesen sein. Wieso hatte sie nicht erkannt, wie Néro wirklich war? Sie war so naiv gewesen, ihm zu glauben, als er sagte, dass er sie aus tiefsten Herzen liebte und es jemals keine andere geben würde, die er so lieben könnte. Und jetzt erwischte sie ihn, wie er sich mit einer wildfremden begnügte. Mélias Herz drohte ihr in der Brust zu zerspringen. Die Tränen hatten sich schon längst einen Weg durch ihr Gesicht gebahnt und ihre Füße trugen sie blind aus der Stadt heraus, da sie nichts mehr wahrnehmen konnte. Irgendwann nahm sie das Rauschen der Wellen war, anscheinend hatte sie die Stadt schon lange hinter sich gelassen.

Sie setzte sich an die Klippe, schaute auf das pechschwarze Meer und ließ ihren Tränen freien Lauf. Mittlerweile war es Nacht geworden, das Fest musste schon begonnen haben, doch wollte sie nicht mehr feiern. Der Schmerz wuchs, je länger sie daran denken musste, wie glücklich sie gewesen war, als er ihr den Ring ansteckte. Sie schaute sich den Ring an, er musste Néro ein Vermögen gekostet haben. Wieso hat er das nur getan?

Abermals schaute sie hinaus auf das Meer. Es wäre so einfach den Schmerzen zu entfliehen, sie würde nicht mehr lange leiden müssen, wenn sie einfach nur hinausschwimmen würde. Irgendwann würden ihre Kräfte nachlassen und sie hätte es geschafft. Mél fühlte sich leer, nichts hielt sie mehr in dieser Welt, alle Empfindungen waren wie weggeblasen, nur der immerwährende Schmerz in ihrer Brust ließ sie leiden.

Gerade als sie aufstehen und dieser schrecklichen Welt entfliehen wollte, nahm sie ein Geräusch hinter ihr war. Sie drehte sich um und sah etwa ein Dutzend Frauen, die die Klippen hinunter Richtung Küste gingen. Einige von ihnen hatten sie wohl entdeckt und blieben stehen.

Mélia bemerkte dass sie alle bewaffnet waren und entdeckte jetzt auch, dass es nicht nur Frauen waren, sondern dass sie Männer mit sich führten, die wohl gefesselt waren. Diese Tatsache fand sie schon mehr als Merkwürdig, als ihr plötzlich ein Gedanke kam. Ihre Großmutter hatte ihr mal eine Geschichte von einem Volk erzählt, welches nur aus starken und mutigen Frauen bestand und auf das Zusammenleben mit Männern verzichtete, weil Männer in ihren Augen schwach und von Trieben gesteuert sind. Nur zu einer bestimmten Zeremonie, holten sie sich Männer auf ihre Insel, damit sie für den Fortbestand ihrer Rasse sorgten. Sie hatte die Frauen Amazonen genannt.

Mélia rieb sich ihre feuchten Augen, als eine der Frauen auf sie zukam. Sie hatte dunkles Haar und ein hübsches Gesicht. Ihren makellosen durchtrainierten Körper hatte sie mit dunklem Leder bedeckt und sie bewegte sich so sinnlich, wie Mél es bei einer Frau noch nie beobachtet hatte.

»Wie heißt du, meine Tochter?«, wurde sie von der Frau gefragt. Verunsichert schaute sie zu ihr auf. Ihr Blick war streng, dennoch erkannte Mél Mitgefühl in ihm.

»M-Mélia ist mein Name.« Hatte sie hier wirklich eine echte Amazone vor sich? Und viel wichtiger war, würde sie ihr etwas tun? Méls Blick schweifte zu ihrer Waffe. Nun es wäre ihr eigentlich egal, ob sie jetzt gleich ihr Leben beendete. »Wer seid ihr?«

»Man nennt uns Amazonen. Aber viel wichtiger ist doch, dass man dir starkes Leid zugefügt hat. Ist ein Mann schuld an deinem Leid?« Es fühlte sich an, als ob sich tausend Messer durch ihre Brust bohren würden, als sie abermals das Bild von Néro im Bett mit dieser Frau vor Augen hatte, daher nickte sie nur.

Die Amazone strich ihr sanft die Tränen aus ihrem Gesicht und hob ihr Kinn an. »Weine ihm nicht nach, er ist es nicht wert! Er wusste es nicht zu schätzen, was er an dir hat, nur leider sind alle Männer so. Also verliere wegen ihm nicht deinen Stolz. Du bist eine stake junge Frau und bist auf diesen Mann nicht angewiesen und musst ihn vergessen.« Aber Mél konnte und wollte Néro nicht vergessen. Sie schüttelte den Kopf, doch da kam ihr eine Idee. »Nehmt mich mit! Nehmt mich mit und lasst mich diese Welt vergessen!«, flehte sie die starke Amazone an. Diese schien zunächst verwundert, doch dann lächelte sie verständnisvoll.

»Du willst diese Welt hinter dir lassen und eine von uns werden?« Mél nickte nur. »Wir könnten dich die Qualen, die dieser Mann dir zugefügt hat vergessen lassen und du würdest eine von uns werden, willst du das wirklich? Du wirst diesen Teil der Welt wahrscheinlich nie wieder sehen.«

»Mir wäre nichts lieber als das!«, meinte Mélia tapfer und schluckte den neuen Schwall Tränen herunter.

»Nun gut, dann komm meine Tochter, aber sei dir eins gesagt: Sei stark! Sei auf der Hut! Und zeig NIEMALS Schwäche!« Mél wurde von ihr zu den anderen Amazonen geführt, die die Männer mittlerweile schon zu den Booten gebracht hatten.

Als sie dann mit den Booten in See stachen fiel ihr Blick auf den Ring an ihrer Hand. Es war nun das einzige Objekt, welches sie nur noch mit der Welt, die sie gerade verließ, verband. Also nahm sie ihn ab und ließ ihn ins Wasser fallen. Dort würde er irgendwo in den Tiefen des Meeres verschwinden und sie nie wieder an ihren Schmerz erinnern.

»Ich glaube sie erinnert sich wieder!«, meinte Ischýros Stimme von weit weg. Was war nur mit ihr geschehen? Sie hatte tatsächlich ihr ganzes Leben vergessen und Néro! Und das nur, weil er Opfer der Amazonen gewesen ist, das wusste sie nun.

Mél schlug die Augen auf. Sie hockte zusammengekauert am Boden des Tempels. Anscheinend hatten Thylia und Dáfni sie losgelassen, als sie kurz weggetreten war. Sie schaute auf und musste abermals die Szenerie beobachten, welche sie überhaupt hier hin gebracht hatte. Wütend stand sie auf und wollte auf Chrýsa losstürmen und ihr am liebsten die Augen auskratzen, doch wurde sie festgehalten und musste hilflos mit ansehen, wie sich die Zeremonie dem Ende zuneigte.

Gerade als Chrýsa ihren Höhepunkt erreicht hatte, zückte sie ein goldenes Schwert. »Nein!«, keuchte Mél, doch ihr Widerstand nützte nichts, die anderen waren einfach zu stark. Das Schwert surrte durch die Luft und trennte den Kopf vom Körper.

Ein markerschütternder Schrei durchschnitt die andächtige Stille des Saales.

Autor: Jessi