Flackernder Schein erhellte das Zimmer. Das Knistern des Feuers mischte sich mit dem Brodeln der Suppe im Kessel. Phrem seufzte, als er die Suppe umrührte und eine kleine Kostprobe nahm. Die Suppe war gut, zumindest wenn man die Verhältnisse bedachte. Genau genommen war es nicht viel mehr als Brunnenwasser, ein bisschen Gemüse und verschiedene Wildkräuter. Immerhin war sie schon heiß genug, um sich daran die Zunge zu verbrennen. In wenigen Augenblicken würde sie fertig sein. Ein wenig Fisch hätte sich nicht schlecht in der Suppe gemacht, doch gab es in diesem Dorf selbst für thremosische Verhältnisse sehr wenig davon. Es war einfach zu weit im Landesinneren und die wenigen Händler, die das Dorf durchquerten, verlangten viel. Nur die reichsten Bauern und Handwerker im Dorf konnten es sich leisten, hin und wieder Fisch zu essen.

Phrem war weder reich, noch gehörte er zu den Bauern und Handwerkern. Er war der Druide seines Dorfes. Er beschäftigte sich mit Heilkunde, mit der Natur und ihren Kräutern, sowie mit den Geistern und deren Zeichen.
Kopfschüttelnd schöpfte sich Phrem Suppe in eine hölzerne Schale und setzte sich an seinen Tisch. Seine am Dorfrand gelegene Hütte war klein und äußerst spärlich eingerichtet. Er verzichtete auf jeglichen Tand, der den Schein von Wichtigkeit erzeugen könnte. Lediglich ein Regal voller tönerner Gefäße deutete auf seine Tätigkeit hin. Auch von außen war seine Hütte eher unscheinbar. Einzig auffallend war die große und vielfältige Ansammlung von wilden Kräutern, die überall um die Hütte wucherten. Der Druide hegte und pflegte sie, bildeten sie doch einen wichtigen Bestandteil seiner Arbeit.

Erneut schüttelte er den Kopf. Sein Stand im Dorf war nicht der leichteste, denn die Meinungen über ihn waren gespalten. Die einen respektierten ihn als Druiden, der eine traditionsreiche Rolle einnahm, einige wenige bewunderten ihn sogar. Andere, insbesondere die Bauern, betrachteten ihn mit Argwohn, nicht selten auch mit zynischem Spott. Dies lag vor allem an ihren übertriebenen Erwartungen an ihn.

‚Die meinen doch tatsächlich, ich könnte das Wetter kontrollieren‘, dachte Phrem, ’natürlich wird auch erwartet, dass ich einen direkten Draht zu den Geistern habe und sie mir sofort Rede und Antwort stehen.‘

Dem war selbstverständlich nicht so. Als Druide hatte man keinen direkten Einfluss auf das Wetter. Das einzige was man tun konnte war, die Zeichen zu deuten und danach möglichst präzise das kommende Wetter zu beurteilen. Auch der Kontakt mit den Geistern war nicht so stark, wie es sich die Leute gern vorstellten. Die Geister der Natur waren scheu, eigensinnig und verschwiegen. Es kam durchaus vor, dass sie Zeichen sendeten, doch waren diese selten eindeutig und immer interpretationsbedürftig. Kein Zauber der Welt konnte einem da eine sofortige Lösung bescheren. Doch das wollten die Dorfbewohner einfach nicht verstehen.

Während er seine Suppe löffelte, sinnierte der Druide weiter. Ob seine Kollegen in anderen Dörfern auch solche Probleme hatten? Manche bestimmt, die Leute erwarteten oft unmögliches von seinesgleichen. Andere Druiden nutzten ihre Stellung nach Strich und Faden aus um sich zu bereichern, indem sie den Leuten das erzählten, was sie hören wollten. Das ging allerdings nicht immer gut, insbesondere wenn die Leute hinter eine solche Masche kamen. Insgesamt konnte man den Leuten vieles weismachen, wenn man es nur überzeugend darlegte.

Zum Beispiel die Macht der Namen. Viele glaubten tatsächlich, es bringe Glück sein Kind nach den Begründern Stisions und seiner Länder zu benennen. Die Namen der Gründerväter wurden deswegen noch heute sehr häufig verwendet. Phrem konnte darüber nur lachen, war er doch selbst Opfer dieses Irrglaubens geworden, dem seine Eltern einst erlagen. In jedem Dorf gab es mindestens einen Threm. Auch die Mädchen blieben nicht verschont, sie wurden dann einfach Thremhilde oder Thremi genannt. Manche wiesen einen kläglichen Rest an Fantasie auf, indem sie den Namen schlicht abwandelten. Die Ergebnisse waren Namen wie Grem, Brem, Srem und Phrem. Natürlich gab es zu jeder Abwandlung auch ein weibliches Gegenstück.

Zwar war es grundsätzlich lobenswert, dass die Eltern versuchten ihrem Kind so Glück zu bescheren, doch vergaßen sie dabei, dass sich selbst die Gründerväter nicht nur mit Ruhm bekleckert haben, zumindest wenn man alle Erzählungen in ihrer Gesamtheit betrachtete. Doch auch das wollten die Leute nur selten hören.

Heftiges Klopfen riss Phrem aus seinen Gedanken. Jemand polterte lautstark an seine Tür. In das Poltern mischten sich Rufe: „Phrem, bist du da? Komm schnell, Ramora bekommt ihr Kind!“ Der Druide seufzte und rief: „Schon gut, ich komme!“

Dann stand er auf, nahm seine lederne Umhängetasche und packte Tücher, Binden und diverse Behältnisse mit Tinkturen aus Heilkräutern hinein. Ramora war die Frau eines angesehenen Bauern, dies war bereits ihr drittes Kind. Die ersten beiden, ein Mädchen und ein Junge, waren gesund und kräftig zur Welt gekommen, deshalb war der Druide guter Dinge, dass auch dieses Mal alles gut gehen würde.

‚Solange sie dem Kind wenigstens einen vernünftigen Namen geben… hat bei den ersten beiden schließlich auch geklappt.‘

Autor: Philip