Gerade kratzte die Sonne die drei Zinnen des weißen Turms Taolinors, welcher weit über die Stadtmauer ragte. Wenig später fand das letzte Licht des Tages viele Wege durch die mit Mustern durchzogenen Wände des Turms. Aus der Ferne wirkte dieses Schauspiel, als würden schon die ersten Sterne am Himmel funkeln, obwohl sich der Horizont gerade erst rot färbte.

Bei dem Anblick musste Tralira an die vielen Abende denken, die sie auf dem Marktplatz verbracht hatte, welcher sich in rotorangenem Marmor hinter dem weißen Turm erstreckt. Gerne war sie dem künstlich angelegten Fluss gefolgt, vorbei an dem kreisrunden See, von dem in das Marmor eingebettete Flüsse in alle Himmelsrichtungen plätscherten, bis sie über die Klippe strömten. Nachdem sie einige der Flüsse über die Brücken, die gerade einmal drei Elfen nebeineinander Platz boten, überquert hatte, erreichte sie Eofia (»Meerespfeil«), wie das südliche Ende Taolinors genannt wurde. Dort lehnte sich Tralira gerne an die hüfthohe Mauer und lauschte dem Rauschen des größten Wasserfalls Taolinors, welcher sich dort über die spitz zulaufende Klippe mehrere hundert Meter in die Tiefe stürtzte, während sich genau wie in diesem Moment, das Licht des Tages verabschiedete. Nur breitete sich in Eofia das weite Meer vor Tralira aus, in dem sich die letzten Sonnenstrahlen verfingen. Niemals könnte sie diesen Anblick vergessen.

Sie riss den Blick los von Taolinor und spürte einen Stich in ihrem Herzen, als sie sich dem Spiegelsee vor sich zuwandte. Vielleicht könnte sie für sehr lange Zeit keinen Abend mehr in Eofia verbringen. An den gegenüberliegenden Ufern des Sees streckten Elfen ihre Hände auf den Seoraoliessa – den Schicksalstürmen – in die Luft und schienen sich zu konzentrieren. Auf dem Turm im Norden versuchte Koarain aus Gealonin zur Ruhe zu kommen, während auf dem Turm im Süden ihre Schöpfungen – die Saeyadriel – auf den Einbruch der Nacht warteten. Die Seoraliessa überragten als einzige Türme den weißen Turm Taolinors und stellten selbst seine Schönheit in den Schatten. Auch sie strahlten in purem Weiß. Beeindrucken konnte Tralira dabei aber vor allem die Schmalheit der Bauten. Sie wirkten zierlich und in irgendeiner Weise aber gleichzeitig, als könnte nichts und niemand sie zu Fall bringen.

Mit dem erscheinen der drei Monde vernahm Tralira ein deutliches Knistern aus Richtung der Türme, obwohl sie einige Meilen entfernt am Ufer des Sees stand. Kurz darauf schnellte ihre Hand vor die Augen, denn ein Lichtblitz erhellte den See für einen Augenblick. Nur auf den Seoraoliessa blieb das Licht in der Form zweier Kugeln bestehen. Damit hatte der Wettstreit also begonnen und die Entscheidung, ob Taolinor oder Gealonin den Berg verlassen muss, rückte näher.

Unmengen an Magie konnte Tralira selbst von ihrem Ort über lange Zeit spüren. Ein Kribbeln breitete sich in ihrem ganzen Körper aus. Bald gelang es Tralira sogar zu erkennen, ob die Magie von den Saeyadriel oder Koarain ausging. Beide übertrafen ihre Erwartungen um Welten. Nie hätte sie geglaubt, dass ein Elf zu so etwas im Stande sein könnte. Ganz leicht pulsierten die Lichtkugeln, welche über den Köpfen der Elfen auf den Seoraoliessa schwebten.

Erst nach Stunden der Anspannung spürte Tralira, wie die Magie aus dem Norden zu flackern begann. Koarain schien am Ende seiner Kräfte zu sein. Seine Lichtkugel verlor langsam an Leuchtkraft. In Tralira breitete sich schon Erleichterung aus, denn die Saeyadriel zeigten noch nicht einmal Anzeichen der Schwäche. Dann traute Tralira ihren Augen nicht, denn das bisher reine Licht der Saeyadriel begann seine Farbe zu ändern. Sie konnte sich noch nicht erklären, was dort vor sich ging. Bald kristallisierten sich drei Farben deutlich heraus. Grünes, rotes und gelbes Licht rangen miteinander. Immer wieder erlosch beinahe eine der Farben, doch kämpfte sich dann wieder zurück. Da wurde Tralira bewusst, was das bedeutete und sie hätten es voraussehen können. Sie versuchten sich gegenseitig zu übertrumpfen. Wollten beweisen, dass sie die Magie besser beherrschten als ihre Schwestern. Als die rote Farbe erlosch und nicht wiederkehrte, zitterte Tralira und eine Träne verließ ihr Auge. Eine der Saeyadriel musste zusammengebrochen sein. Ein wenig Hoffnung hegte Tralira, dass die anderen beiden Saeyadriel ihre Dummheit erkannten, doch sie wurde enttäuscht. Das gelbe und grüne Licht wollten sich weiterhin überbieten. Die Farben verschlungen sich ineinander. Immer wieder versuchten die Saeyadriel die Magie des Anderen zu umhüllen und zu ersticken. Tralira wusste, welche Anstrengung es kostete, nur eine kleine Flamme eine solche Zeit am Leben zu erhalten. Lange konnten die Saeyadriel diesen Kampf gegeneinander nicht mehr durchhalten. Tralira spürte jeden Herzschlag, doch blieb trotzdem reglos stehen, ihre Augen gefesselt von dem Anblick.

Die Farben erloschen und Dunkelheit machte sich über dem südlichen Turm breit. Alle Saeyadriel mussten zusammengebrochen sein, denn keine Gestalten konnte Tralira mehr auf dem Turm erkennen. Kurz darauf erlosch auch das schwache Licht über dem nördlichen Turm. Doch das war jetzt nicht mehr von Bedeutung. Tralira kehrte dem Spiegelsee mit gesenktem Kopf den Rücken, mit dem Wissen, Eofia lange Zeit nicht mehr zu betreten und den weißen Turm Taolinors bald nur noch in Erinnerung zu haben.

Autor: Olli