Kern stolperte, stützte sich mit den Händen im nassen Gras ab und ließ sich lachend auf den Rücken fallen. Die roten Haare seiner Schwester wurden ihr durch den Wind ins Gesicht geweht und gaben den Blick auf ihre kleinen Brüste frei, was ihm gefiel. Während er die Hand in die Luft reckte stellte er sich ein kleines Holzfigürchen vor. Kurz darauf erschien dieses aus dem Nichts.

„Schau mal!“, rief er seiner Schwester zu und drehte sein Werk voller Stolz im Sonnenlicht.

Zuerst starrte Kira ihn mit ihren sehr hellen, fast schon weißen, blauen Augen an. Dann verengte sich ihr Blick und sie sprang auf ihn zu. Kern rollte sich auf die Seite und das Holzfigürchen verschwand.

„Das ist Papa!“, meint Kira und hielt Kern ihr Figürchen unter die Nase, welches sie gerade geschaffen haben musste. Auf dem Gesicht erkannte Kern die Gesichtszüge ihres Vaters. Er schlug es seiner Schwester aus der Hand und rechnete damit, dass sich das Figürchen in Luft auflöste, doch es fiel nur hinunter und verschwand zwischen den Grashalmen.

„Wie machst du das immer?“, wollte Kern wissen und zwickte ihr in den Bauch. Seine Schwester sprang auf und wollte sich rächen, da ertönte ein lautes Krachen und sie wurde von den Beinen gerissen.

Als Kern den ersten Schock überwunden hatte drehte er sich um und konnte nicht glauben was er sah. Der rote Turm, von dem auch sein Vater seit Jahren das weite Meer beobachtete, stürzte in sich zusammen. Ein Stein nach dem anderen schlug im Boden ein und brachte die Erde zum Zittern. Kern warf sich auf seine Schwester und schlug schützend die Arme um ihren Kopf.

Binnen weniger Augenblicke kehrte eine Stille ein, bei der es Kern nicht einmal mehr wagte zu atmen. Als er seinen Kopf hob, sah er den blutüberströmten Körper seines Vaters zwischen den Trümmern liegen. Er wollte schreien, brachte jedoch keinen Ton hervor und konnte sich auch nicht bewegen.

Stattdessen verschwamm das Bild vor seinen Augen und alles drehte sich. Er spürte das vertraute Gewicht seines Einhänders zwischen den Fingern. Um ihn herum klirrte Metall und unzählige Schreie erreichten ihn aus allen Richtungen. Als sein Blick sich klärte, raste etwas auf ihn zu. Ohne, dass er nachdenken musste, schnellte sein Schwertarm in die Höhe, traf auf die Spitze des Pfeils und schleuderte ihn aus seiner Bahn.

Wo ist Kira?, schoss es Kern durch den Kopf, während er sich duckte, um einer Klinge auszuweichen, welche ihm sonst den Kopf von den Schultern getrennten hätte. In der gleichen Bewegung rammte er dem Angreifer sein Schwert in den Bauch. Warmes Blut strömte ihm über die Hand.

Als der Mensch in sich zusammen sackte, erkannte Kern eine Frau, die in einer Blutlache am Boden lag. Ihre roten Haare vereinten sich so mit dem Blut, dass sich Kern einen Moment lang vorstellten, all das Blut würde aus ihrem Kopf sickern.

Die Zeit schien für einen Moment stillzustehen, als Kern bewusst wurde, dass es sich um seine Schwester handeln musste. In seinem Mund breitete sich ein Geschmack nach Galle aus und ihm wurde kalt am ganzen Körper. Er wollte zu ihr rennen, aber ein Windstoß riss ihn von den Beinen. Staub brannte in seinen Augen und ein heller Schrei gab ihm das Gefühl, sein Kopf würde platzen. Über ihm hob sich ein Drache in die Höhe. In seinen Klauen hielt er seine Schwester.

Kern schlug die Augen auf und bemerkte, dass sich seine Finger krampfhaft an der Decke festklammerten. Er fuhr sich mit einer Hand durch die verschwitzten Haare, die sich nach hinten legten und am Kopf kleben blieben. Schon wieder die gleichen Träume. Wie jede Nacht. Als Kern sich aufrichtete fühlte sich sein Kopf an, als hätte er einen Hieb abbekommen. Ohne sich Kleidung anzulegen oder etwas zu essen, schleppte er sich nach draußen. Die Sonne kratzte gerade an der Ruine des Roten Turms, welcher in all den Jahren von grünem Efeu verschlungen worden war. Tränen stiegen ihm in die Augen, aber er schluckte den Schmerz hinunter. Einerseits aus Angst es könnte ihn jemand sehen, andererseits konnte er sich die Trauer selbst nicht eingestehen.

Wie fast jeden Morgen setzte sich Kern neben die Bruchstücke des Roten Turms an den Rand der Klippe und blickte über das weite Meer in die Ferne. An einem solchen Tag um diese Zeit hatte die Haut seiner Schwester immer einen wunderschönen, goldbraunen Ton angenommen.

Vor seinem geistigen Auge verwandelte sich das weite Meer wieder in ein Schlachtfeld und es spielte sich abermals die Szene ab, als der Drache die Leiche seiner Schwester aus dem Getuemmel rettete und sie so innerhalb weniger Augenblicke komplett aus seinem Leben gerissen worden war. Aber am Meisten grübelte er darüber nach, warum sich seine Schwester vor ihrem Tod so verändert hatte. Als es anfing hatte er noch ihren Worten und damit an ihre Unschuld geglaubt, doch mit der Zeit wurde es immer schwerer ihre Rechtfertigungen ernst zu nehmen.

Irgendetwas berührte ihn an der Schulter. Völlig aus den Gedanken gerissen sprang er auf, drehte sich um und griff mit seiner Hand an den leeren Gürtel.

„Kern, ich bin es“, versuchte ein etwas kleinerer Wuge ihn zu beruhigen und blickte ihn dabei mit seinen hellblauen Augen an. Als Kern aber nicht antwortete, fuhr er fort. „Ich weiß, dass du Tag für Tag deiner Schwester nachtrauerst, doch nicht nur dir ist sie ans Herz gewachsen. Es herrschte Krieg Kern, viele Wugen mussten ihr Leben lassen. Das war der Preis für den Sieg über die Dämonen.“

„Ich… weiß,“ stammelte Kern und versuchte seinem Blick auszuweichen und an ihm vorbei zu gehen. Voln packte aber seine Schulter und drehte ihn zu sich. „Der Große Rat will dich sehen.“

„Wo warst du in all den Jahren?“, fauchte Kern ihn an, schlug seine Hand zur Seite und lief an ihm vorbei.

„Es… war keine leichte Zeit. Das weißt du. Aber … es tut mir leid. Ich wollte mit der Vergangenheit abschließen“, versuchte Voln zu erklären und schloss für einen Moment die Augen um einen klaren Kopf zu behalten. „Einer der alten Drachen ist da. Ich weiß nicht was er will, aber du solltest mitkommen.“

„Drachen…“, sagte Kern und legte seine ganze Verachtung in das Wort ohne anzuhalten.

„Und zieh dir was an!“, rief Voln ihm hinterher und lachte. Auch auf Kerns Gesicht zeichnete sich für einen Augenblick ein Lächeln ab.

Autor: Olli