Im Schimmer der Laterne, die an der Spitze seines Bootes baumelte, tanzten winzige Schneeflöckchen. Nie zuvor hatte Esithario Schnee gesehen. Eingehüllt in seinem Fellmantel beobachtete er das Schauspiel, während er nur mit seinen Gedanken das Boot in eine Abzweigung lenkte. Selbst für ihn war die Einfahrt zwischen den schwimmenden Häusern nur schwer zu erkennen, aber selbst blind würde er sie wohl nicht verfehlen. Nur das bläulich leuchtende Wasser und das Licht seiner Laterne ließen ihn die Umrisse der Gebäude erahnen.

Auf seinen Händen schmolz jede Flocke und hinterließ einen unangenehm kalten Wassertropfen, weshalb Esithario sie in seinem Fellmantel vergrub. So friedlich wirkte die Stadt an diesem Abend, als wollte die Dunkelheit all ihre Probleme verschleiern. Gerade hatte Esithario noch mit Tearil geredet. Bei dem Gedanken klammerte er sich noch fester an das Tierfell um seinen Körper und fragte sich, wie Tearil nicht verstehen konnte. Immer wieder hatte Tearil ihm von den Fortschritten des großen Turms erzählt und davon geschwärmt, wie das leuchtende Wasser in Fontänen aus ihm schießen und von der ganzen Stadt aus zu sehen sein wird. Es war Esithario schwer gefallen, sich nicht von den Worten Tearils mitreißen zu lassen. Zwar hatte er sich immer wieder in den Kopf gerufen, wie schlecht es um ihre Vorräte für den kommenden Sonnenwinter stand und versuchte es Tearil deutlich zu machen, jedoch schenkte er Esithario kaum Aufmerksamkeit. Stattdessen sprudelten weitere Ideen zu seinen Bauwerken aus Tearil heraus.

Nach einer Weile hatte Esithario aufgegeben. Jedoch wollte ihn der Ärger, dass die anderen Elfen nicht sahen, was für eine Katastrophe folgen wird, wenn sie untätig blieben, nicht mehr loslassen. Und der Schneefall zeigte, dass es vermutlich schon zu spät war. Deshalb musste Esithario Feyagoa aufsuchen. Sie würde sein Anliegen verstehen. Wenn einer der Elfen der nördlichen Stadt ihn verstehen würde, dann sie.

Selbst in der Dunkelheit beeindruckte Esithario, was Feyagoa aus diesem Teil der Stadt schon jetzt geschaffen hatte. Jedes der schwimmenden Häuser wirkte einzigartig. Ihn riss ein immer lauter werdendes Rauschen aus den Gedanken. Hinter dem nächsten Haus leuchtete ein Wasserfall, der den Eingang eines weiteren Hauses verschleierte. Schon oft war ihm dieses Gebäude aufgefallen, allerdings hatte er es noch nie in vollkommener Dunkelheit gesehen. Die Wolken am Himmel verdrängten das Licht der drei Monde, wodurch sich der Wasserfall deutlich von der Umgebung abhob. Sofort schossen Esithario unzählige Bilder in den Kopf, wie man das Haus erweitern und das Licht des Wassers noch besser erscheinen lassen könnte.

Trotzdem passierte er die Gegend und legte an einem Steg an, der zu einem Gebäude gehörte, welches beinahe aus reinem Glas bestand. Die Wände blendeten Esithario erst, da sie mit dem leuchtenden Wasser der Bucht gefüllt waren.

Feyagoa schien noch wach zu sein und ihn sogar gehört zu haben, denn wenige Augenblicke später stand sie mit verschränkten Armen in der Tür. »Was willst du hier zu so später Stunde?« Ihr Blick schien Esithario sogleich wieder verscheuchen zu wollen.

Davon ließ sich Esithario aber nicht im Geringsten beeindrucken. »Wir müssen reden.«

»Dann rede.«

»Siehst du das?« Esithario machte eine Handbewegung zum Wasser.

»Was?«

»Die weißen Punkte im Licht. Schnee.« Nach einer kurzen Pause und als Feyagoa keine Anstalten machte zu antworten, fuhr er fort. »Bald wird es immer kälter werden. Dann finden wir kein Wild mehr in den anliegenden Wäldern und auch keine Früchte oder Beeren. Unsere Vorräte…«

»Du weißt, dass ich bereits alles getan habe, was in meiner Macht steht.«

»Die Netze. Es war ein guter Einfall, Netze mit Magie durch das Meer zu ziehen um Fische zu fangen, aber für alle Elfen der Stadt wird das niemals reichen! Wir…«

Feyagoa wandte sich um und schritt in ihr Haus zurück. Kurz bevor sie die Tür schloss, sagte sie: »Ich habe noch viele Entwürfe zu zeichnen Esithario.«

Dann stand Esithario wieder alleine auf dem Steg. Er musste es selbst in die Hand nehmen. Sonst war die Stadt schneller verloren, als sie aufgebaut werden konnte.

*

Zuerst fiel Esithario auf, wie schlicht alle Häuser hier wirkten. Kein Gebäude hob sich von einem anderen ab. Immer lag ein Steg neben einem runden Holzhaus im Wasser, das zumindest durch ein paar Fenster Licht in sein Inneres ließ. Bei diesem Anblick war er froh, dass die Elfen hierhin verbannt worden waren.

Er steuerte sein Boot durch das Wasser, dessen Leuchten aufgrund des Sonnenlichts weit nicht mehr den Eindruck hinterließ, wie in der gestrigen Nacht. Die Wolken hatten sich verzogen und Esithario konnte während der Fahrt sogar seinen Fellmantel ablegen. Er deutete es als Zeichen Sarumias, dass er das Richtige tat. Nicht weniger lastete dabei die Sorge auf seiner Brust. Die Sorge, dass Hitholas und Huanilin seine Bitte abschlugen, was ihnen nicht zu verübeln wäre. Esithario musste sie davon überzeugen, dass sie einen Tribut an die Schönheit der nördlichen Stadt zu zahlen hatten, um Sarumias Willen zu unterstützen. Was hatte dieser Teil der Stadt bisher sonst dafür geleistet?

Als Esithario einen Elf gerade aus einem der Häuser auf seinen Steg schreiten sah, hielt er sein Boot an, auch wenn er der magischen Aura des Elfen keinen Namen zuordnen konnte. »Warte!«

Der Elf starrte ihn einen Moment lang an. Dann sagte er: »Esithario, was willst du hier?«

»Wo finde ich Hitholas oder Huanilin?«

»Zu dieser Zeit sollten sie in der Vorratskammer sein und die eintreffende Nahrung kontrollieren.«

Die Vorratskammer glich einem Schiff ohne Mast. Der Steg zog sich über die gesamte Länge der Kammer und viele Boote hatten dort angelegt. Immer wieder liefen leere Boote aus und andere ein, die neue Nahrung brachten. Auf dem Steg herrschte reges Treiben. Die Elfen brachten die Nahrung in das große Schiff und schienen es dort zu verstauen. Inmitten der Elfen machte Esithario zwei Elfen aus, die sich mit Schilfrohr und Pergament über die Kisten beugten, dann die Augenbrauen zusammen zogen und irgendetwas notierten. Ihre Aura passte zu Hitholas und Huanilin.

Etwas musste Esithario warten, bis sich eine Lücke für sein Boot fand, obwohl es im Vergleich zu manch anderen Booten kaum Platz brauchte.

Ohne zu zögern wandte sich Esithario Huanilin zu, obwohl er gerade eifrig auf seinem Pergament herum kritzelte. »Huanilin!«

Der Elf schaute von seiner Schrift auf und blickte Esithario verwirrt in die Augen. »Esithario? … Du siehst, dass ich gerade überhaupt keine Zeit habe?«

»Das ist mir bewusst. Aber es gibt dringende Angelegenheiten zu besprechen.«

»Wenn du mit mir reden willst, musst du das hier tun.« Huanilin wandte sich bereits wieder einer Kiste zu.

»Der Bestand der Nahrung scheint nicht gerade gering zu sein?«

»Worauf willst du hinaus Esithario?«

»Den Sonnenwinter sollte der Süden der Stadt ohne Probleme überstehen.«

Huanilin ließ von der Kiste ab, rollte sein Pergament zusammen und steckte es zusammen mit dem Schilfrohr in eine Tasche. »Ich verstehe. Und ich würde dem Norden etwas abgeben, um Sarumias Kinder nicht dem Tod zu überlassen. Aber du weißt, dass ich das nicht kann.«

»Der Norden hat aus Noaranar einen Ort des Lichts gemacht, wie es Sarumias Wille war. Ich weiß, dass viele die kommenden Probleme ignoriert haben und den Ernst der Lage immer noch nicht wahrhaben wollen. Aber wenn sich das Licht weiter in Noaranar entfalten soll, müssen die Elfen des Nordens den Winter überleben!«

Huanilin zuckte mit den Schultern. »Du hast wohl vergessen Esithario, dass der Norden es war, der uns hierher verbannt hat. Ihr wolltet nichts mehr mit uns zu tun haben, also selbst wenn wir könnten… Warum sollten wir euch helfen?«

»Für Noaranar. Sie soll als die Stadt in Erinnerung bleiben, die aus diesem Ort das gemacht hat, was er verdient. Und nicht als die Stadt, die schon bald kein Leben mehr in sich hat, verfault und von der Strömung zerrissen wird!«

»Ich habe mich wohl nicht klar ausgedrückt. Selbst wenn wir helfen wollten. Wir können niemals so viele Vorräte aufbringen.«

»Aber…«

Huanilin fiel ihm ins Wort. »Du solltest jetzt zurückkehren Esithario und die Elfen des Nordens überzeugen, dass sie selbst handeln müssen. Wir brauchen am Steg jeden Platz, den wir haben. Dein Boot blockiert die kommenden Schiffe.«

Damit drehte sich Huanilin endgültig um und Esithario musste sich eingestehen, dass er hier nichts erreichen konnte. Es musste einen anderen Weg geben. Er musste ihn nur finden.

*

Der Turm ragte aus dem Meer, wie ein Fels in der Brandung. Aufgrund seiner Breite konnte sich Esithario vorstellen, wie gigantisch das Bauwerk einmal werden sollte. Im Moment glich es allerdings mehr einer Ruine. Esithario musste wieder an die Beschreibungen Tearils denken und er sehnte sich danach, den Turm einmal in seiner Vollkommenheit erleben zu dürfen, wie ihn Tearil sich erträumte. Aber dafür müssten sie den Sonnenwinter überleben. Und wenn er Tearil davon erzählen würde, wie Hitholas und Huanilin – also der Süden – sie im Stich gelassen hatte, konnte das hoffentlich Tearils Gedanken auf das Problem lenken.

Esithario hatte Glück. Gerade saß Tearil alleine im Inneren des Turms und ließ einen Baumstamm nach dem anderen an die richtige Stelle schweben. Noch nie hatte Esithario ein Gebäude gesehen, in dem man mehr Platz hatte. Viele Fenster ließen das Sonnenlicht hinein und in der Nacht schimmerte das Innere bläulich, da im Boden immer wieder Aussparungen waren.

»Tearil.«

Der Elf ließ den Baumstamm, den er gerade positionieren wollte, sinken und wandte sich um. Esithario kam einige Schritte auf ihn zu, schaute ihm tief in die Augen und erzählte, was im Süden geschehen war. Immer, wenn Tearil ihn unterbrechen wollte, redete Esithario einfach weiter.

»Wir müssen handeln Tearil«, endete er.

»Du siehst, dass ich einen Turm zu errichten habe Esithario?«, entgegnete Tearil nach kurzem Überlegen.

»Wenn wir untätig bleiben, wirst du diesen Turm niemals fertigstellen können!« Langsam verlor Esithario die Geduld. »Wir verhungern und bald leuchtet das Wasser nicht mehr, weil es mit toten Elfenkörpern bedeckt ist!«

»Sarumia hat uns nur zu einem Grund hier geschaffen… Allerdings hindern uns die südlichen Elfen daran, diesem Grund nachzukommen.«

»Wir müssen sie vertreiben!«

Tearil nickte.

*

Jemand wartete vor seinem Haus. Esithario nahm die Magie wahr und schritt zur Tür. Nicht jemand. Dafür war die Magie zu intensiv. Mindestens sechs Elfen standen gerade auf dem Steg vor seiner Tür. Einen kurzen Moment zögerte Esithario, dann öffnete er.

»Esithario. Im Namen von Huanilin und Hitholas seid Ihr ein Gefangener des Südens. Folgt uns.«

Tatsächlich starrten ihn sechs Elfen an. Die vordersten Beiden streckten ihm ihre Langäxte entgegen, dahinter richteten sich Pfeile auf ihn.

Esithario machte einen Schritt zurück. »Was wird mir vorgeworfen?«

»Das solltet ihr nach der gestrigen Nacht wissen. Zwar ist es Euch nicht gelungen an die Vorräte zu kommen, aber dafür mussten einige Wachen ihr Leben lassen.«

»Von was redet Ihr?«

»Ihr könnt es nicht leugnen.« Damit packten die Beiden mit den Langäxten Esithario an den Armen und zerrten ihn nach draußen.

»Ist ja gut. Lasst mich los!« Esithario schüttelte sich frei und stieg von alleine in das Boot, mit dem die Krieger gekommen sein mussten.

*

Die Nacht hatte Esithario in einer dunklen Kammer verbracht. Tatsächlich konnte er nicht einmal sagen, ob es nur eine Nacht war. Ihm kam es vor wie Monate. Dann wurde er auf einen Platz gebracht. Eine Holzplattform mitten im Wasser. Vor ihm breiteten Huanilin und Hitholas gerade ihre Schriftrollen aus, hinter ihm starrten ihn ein paar Elfen an. Durch die Stille breitete sich Anspannung aus. Obwohl Esithario nicht in Fesseln lag, sondern aufrecht vor Huanilin und Hitholas auf eine Erklärung wartete, fühlte er sich immer noch seiner Freiheit beraubt. Gerade wollte er eine der vielen Fragen stellen, die ihm auf den Lippen brannten, aber er konnte sich beherrschen. Es würde zu nichts führen. Esithario musste es über sich ergehen lassen und nach den Regeln von Huanilin und Hitholas spielen.

»Esithario.« Hitholas trat vor. »Ihr werdet beschuldigt, bei dem Versuch die Vorratskammer des Südens mit Elfen aus dem Norden auszurauben einige unserer Wachen ermordet zu haben.«

In seinem Gefängnis hatte Esithario kein Auge zugetan. Er wusste, warum ihn Hitholas und Huanilin geholt hatten und sich bereits einen Plan gemacht. »Ihr wisst, der Norden leidet Hunger und wird den Sonnenwinter nicht überstehen.«

»Das entschuldigt nichts!« Huanilin schien es zu ärgern, dass Esithario nicht einfach seine Tat gestand. »Wir haben uns die Vorräte erarbeitet, während ihr im Norden in euren Bauwerken versunken seid!«

Esithario atmete die kühle Seeluft ein, bis sich seine Lungen nicht mehr ausweiten konnten und ließ sie durch die Nase wieder entgleiten. Ein salziger Geschmack machte sich in seinem Mund breit. »Ich weiß, es wäre naheliegend, aber ich habe damit nichts zu tun. Ich…«

»Lügner«, stellte Hitholas ohne Emotionen in der Stimme fest. »Nur Ihr wusstet wo genau unsere Vorräte gelagert werden und wie sie bewacht waren. Ich glaube, dass Euer Besuch, als Ihr uns angebettelt habt, nur ein Vorwand war!«

Wieder wartete Esithario, bis Hitholas seinem Ärger freien Lauf gelassen hatte. »Nur einem Elf aus dem Norden habe ich von diesem Besuch erzählt. Tearil. Baumeister des großen Turms. Er konnte den Hass in seinem Gesicht nicht vor mir verbergen, als ich ihm erzählte, dass der Süden uns die Hilfe verweigert! Es kamen sogar Worte aus seinem Mund, die erschließen ließen, dass er die südlichen Wasserelfen vertreiben will!«

»Einem solchen Konflikt könnten wir nicht trotzen Hitholas.« Huanilin stand der Schrecken in die Augen geschrieben. Da es kein Geheimnis war, dass der Süden dem Norden unterlegen war, scheute sich Huanilin nicht davor, es auszusprechen.

»Ihr wollt leben Esithario?« Der Hass in Hitholas Augen war verschwunden.

»Ich muss leben, um aus dieser Stadt das zu machen, was Sarumia würdig ist.«

»Bringt mir Tearil und Ihr könnt im Süden bleiben, sowie von unseren Vorräten essen.«

*

Tearil in den Süden zu bringen, war für Esithario keine Herausforderung gewesen. Er wusste, dass Tearil Tag und Nacht an dem Turm arbeitete und so die meiste Zeit abgelenkt war. Huanilin und Hitholas stellten ihm eines der zweckmäßigen Häuser des Südens zur Verfügung. Sogleich begann Esithario es wenigstens etwas zu verschönern und dafür zu sorgen, dass das Sonnenlicht, sowie das bläuliche Schimmern des Meeres einen Weg in sein Haus fand.

Als Esithario gerade mit Magie kleine Löcher in einer der Wände verursachte und dadurch ein Muster erschuf, dass ein verrücktes Schatten-Licht-Spiel ergab, tauchte Huanilin vor seiner Tür auf.

»Wir haben ein Problem.« Ohne jegliche Begrüßung stürmte Huanilin in sein Haus, setzte sich an einen kleinen Ecktisch und redete weiter noch bevor Esithario Platz genommen hatte. »Leanoa fordert, dass der Süden die Stadt innerhalb von drei Tagen verlässt und nur jedes zehnte Nahrungsmittel mit sich nimmt. Der Rest soll an den Norden gehen.«

Das traf Esithario wie ein Blitz. Sie hatten Tearil und trotzdem ließ der Norden nicht locker. Wobei es ihm eigentlich klar sein hätte können, dass irgendwann die Vernunft auch andere Elfen des Nordens erreichte. »Damit schafft es der Süden niemals über den Winter!«

»So ist es.« Huanilin sah ihm tief in die Augen. »Aber wir haben Tearil.«

»Ihr wisst genau wie ich, dass das den Norden nicht im Geringsten interessieren wird.«

»Er ist ein begnadeter Baumeister. Das habt ihr mir selbst erzählt.«

»Baumeister gibt es viele im Norden!« Um besser denken zu können, erhob sich Esithario. »Auch wenn es gegen die Würde des Südens ist, was wäre, wenn wir der Forderung erst einmal nachkommen.«

»Wir sollen die Stadt verlassen und nur ein Zehntel der Nahrung mit uns nehmen. Das wäre unser aller Tod!«

»Setzen wir uns gegen den Norden zur Wehr, wird es in einem Gemetzel enden. Und sie werden nicht zögern, uns aus der Stadt zu vertreiben, wenn wir nicht freiwillig gehen. Denn das wäre der sichere Tod des Nordens. Ich weiß, wie wenig Vorräte sie haben.«

»Wir könnten…« Huanilin schien einen Plan in seinen Gedanken durchzugehen. »Wir könnten vorgeben, der Forderung nachzukommen und dem Norden in den Rücken fallen, wenn sie sich in Sicherheit wiegen.«

»Nein, nein.« Esithario schüttelte den Kopf. »Zu nah ist der Sonnenwinter. Wir warten ab. Und am letzten Tag verlassen wir tatsächlich die Stadt mit nur jedem zehnten Nahrungsmittel. Erinnert Ihr euch an die Elfen, die Anfang des Jahres nach Westen gezogen sind. Tief in den Wald hinein. Mit etwas Glück haben sie mehr als genug Vorräte. Und es waren wenige Elfen. Weitaus weniger, als der Norden.«

Huanilin nickte und erhob sich. »Ich glaube das könnte vorerst ein Ausweg sein. Ich werde Hitholas von unserer Unterhaltung berichten.«

*

Mit seinem Boot fuhr Esithario am Tag des Aufbruchs zum Lagerhaus des Südens. Er hätte es gar nicht für möglich gehalten, aber noch mehr Boote kamen und gingen als bei seinem letzten Besuch.

Vom Steg aus erkannte ihn Huanilin. Auch er schien noch hektischer auf seiner Schriftrolle zu kritzeln. »Esithario! Schließt euch den Booten an und fahrt gen Westen. Dort errichten wir ein erstes Lager am Waldrand!«

Esithario reihte sich unter den vielen Booten ein, die in jene Richtung unterwegs waren. Das Wasser leuchtete hell an diesem Morgen, was Esithario als gutes Zeichen deutete.

Schreie ließen ihn aufschrecken. An einer der Stelzen, welche bei besonders großen Stegen oder Häusern für Stabilität sorgten, war ein Elf gefesselt. Gerade reichte ihm das Wasser bis zur Brust, aber Esithario wusste genauso wie der Elf selbst, dass die Flut ihn umbringen würde. Seine magische Aura verriet Esithario, dass es sich um Tearil handelte. Eine leichte Enttäuschung kam in Esithario auf. Die Enttäuschung, dass er nie sehen würde, ob der große Turm des Südens jemals so werden würde, wie Tearil ihn immer beschrieben hatte.

Am Ufer angekommen, machte Esithario sein Boot an einem der vielen Stege fest und sah noch einmal auf die schwimmende Stadt zurück. Im Morgengrauen stach das leuchtende Wasser selbst von hier noch ins Auge. Durch die vielen künstlichen Wasserfälle und Brunnen in Noaranar wirkte die Stadt wie ein Spiegelbild des funkelnden Sternenhimmels, der gerade den ersten Sonnenstrahlen Platz machte.

Bald brachen die Elfen weiter in den Westen auf. Der Sand zwischen Esitharios Zehen fühlte sich angenehm weich an im Vergleich zum Holz Noaranars. Vor ihm türmte sich ein Wald auf, wie eine Mauer aus Bäumen. Lange hatte Esithario nicht mehr so viele Pflanzen an einem Ort gesehen. Bald schon kitzelte ihn das Graß an den Füßen, wovon er sich aber wie alle anderen Elfen nichts anmerken ließ. Zudem drang ein erfrischender Geruch in seine Nase, die seit langem nur das Salz des Ozeans gewohnt war. Genauso hatte Esithario mit dem ewigen Rauschen des Wassers die zwitschernden Vögel vermisst. Auch wenn nichts an die Schönheit Noaranars heranreichen konnte, glaubte er, sich an die neue Heimat schnell gewöhnen zu können. Vor allem, da er fest daran glaubte, dass sie nach dem Winter bald zurückkehren würden.

An einer Lichtung stoppten die Elfen. Esithario gefiel es, wie das Morgenlicht durch die umliegenden Baumwipfel schimmerte und sich auf der Graßfläche verteilte. Hier sollte das Lager entstehen, von dem aus sie nach den Elfen des Waldes suchen würden.

*

»Ich erzähle Euch alles! Alles!« Das Entsetzen stand der Waldelfe in die Augen geschrieben. Ihre Kleidung aus weißen Fellen war zerrissen und hing in Fetzen an ihm herab. Die Jäger hatten Esithario erzählt, dass sie sie von einem Baum zerren mussten.

Während Huanilin auf ihn einredete, zielte Hitholas mit dem Bogen auf ihren Hals. Die Elfe wollte zurückweichen, doch Huanilin packte sie an der Schulter. »Wir wollten die Elfen der leuchtenden Stadt beobachten. Niemals hätten wir damit gerechnet, dass ihr euch hier im Wald niederlassen würdet. Und doch haben wir es beobachtet und waren unschlüssig, wie wir handeln sollten. Ich habe euch alles erzählt!«

Noch immer hielt Hitholas seinen Bogen gespannt. »Wie viele? Wie viele lauern uns hier auf?«

»Nur einige Hände voll. Die meisten Elfen des Waldes sind in einer Stadt viel weiter im Westen! Mindestens drei Tagesmärsche entfehrnt. Sie sind keine Bedrohung für euch.«

Huanilin verschränkte die Hände hinter dem Rücken und Hitholas nahm den Pfeil von der Sehne. »Geht. Geht zurück in den Wald. Und sagt ihnen, was ihr wisst.«

»Wie meint Ihr?«

»Dass wir um ihre Anwesenheit unterrichtet wurden und dass sie zu wenige sind, um für uns eine Gefahr zu sein.«

»Ja natürlich.«

Die Elfe war sichtlich überrascht, dass man sie mit dem Leben davon kommen würde. Umso schneller war sie wieder zwischen den Bäumen verschwunden.

»Was habt Ihr vor?«, fragte Esithario an Huanilin gewandt.

»Drei Tagesmärsche in den Westen zu ziehen und uns die Nahrung zu holen, die uns über den Winter bringt!«

*

Nur wenige Tage, bevor sie aufbrechen wollten, kam Huanilin an Esitharios Haus. »Eine der Elfen aus dem Wald ist zu uns gekommen. Du solltest auch erfahren, was sie zu sagen hat.«

Esithario war erstaunt. Das konnte nur bedeuten, dass die Waldelfen mit ihnen verhandeln wollten. Vielleicht war es doch noch möglich den Winter ohne ein Blutbad zu überstehen. Dabei kam Esithario eine Idee. Sein Plan war riskant und er wusste nicht, ob die anderen Elfen Noaranars ihn akzeptieren würden. Trotzdem musste er es versuchen.

»Warum habt ihr die Stadt auf dem Wasser verlassen?« Ohne Furcht blickte die Waldelfe Huanilin in die Augen. Ihm und Hitholas war die Überraschung anzusehen, doch Esithario hatte so etwas schon vermutet. Den Elfen des Waldes war Noaranar schon immer ein Dorn im Auge. Ihrer Meinung nach beschmutzte die Stadt das Naturwunder des leuchtenden Wassers, das Sarumia zu schützen gedacht hatte.

Noch bevor Huanilin oder Hitholas darauf antworten konnten, ergriff Esithario das Wort. »Erst zehn Tage ist es her. Aus dem blauen Wasser nahe des großen Turms im Zentrum Noaranars erhob sich ein Wesen aus reinem Licht. Es strahlte noch heller, als es die Sonne je könnte. Weiß war das Licht und selbst in den Augen eines Elfen schmerzte der doch so wunderschöne Anblick. Genauso klang die Stimme, als das Wesen zu uns sprach. Hell und in einem so hohen Ton, wie ihn kein Elf erreichen kann. Die Worte selbst konnten wir nicht verstehen, aber mit der Zeit begannen einige Elfen Noaranars zu begreifen. Sie erkannten das Zeichen Sarumias und erkannten, das alles ein Fehler gewesen war. Niemals hätte das leuchtende Wasser von einer Stadt in den Schatten gestellt werden dürfen. Wir, die hier vorerst Zuflucht finden wollten, mussten Noarnar verlassen, denn wir konnten nicht mehr mit der Schande leben. Irgendwann werden wir zurückkehren und das Wasser von der Stadt befreien!«

Zu Esitharios erstaunen viel ihm keiner der Elfen während seiner von Lügen durchdrungenen Rede ins Wort. Wahrscheinlich, weil ein Funken Wahrheit darin steckte. Dass sie sich an den Elfen in Noaranar rächen wollten.
Die Elfe aus dem Wald kam zu ihm. »Dann solltet ihr alle mit uns kommen und die Stadt im Wald bewundern. Denn Hilfe brauchen wir, wenn Noaranar fallen soll.«

Autor: Olli