Es war genug Zeit verstrichen. Selbst er war dieser Meinung. In sich zusammen gesunken, schwebte er in der dunkelsten Ecke des Raumes. Die Schatten schienen ihn fast zu verschlingen, doch seine weiß strahlende Aura schützte ihn davor.

Ohne seine Augen zu öffnen, musterte er die Runde. Zornige Energie unterdrückte die restlichen Ströme, doch mühelos ignorierte er seinen Bruder. Er hatte Gallrai immer am wenigsten leiden können. Sein eindimensionales Denken, sofern er einer solchen Fähigkeit überhaupt mächtig war, widerte ihn an.

Die anderen Energien waren weitaus leichter zu ertragen. Sie waren nicht so aufdrängend, auch wenn der Fluss Arumas ähnliche Konsistenz aufwies und hin und wieder versuchte in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu gelangen. Doch an Gallrai gab es kein Vorbeikommen, viel zu gewaltig war seine Energie, als das man sie übersehen könnte. Einzig jahrhundertelanges Training verlieh ihm die Kräfte, diese Penetranz ausblenden zu können.
So unübersehbar die Kräfte der beiden waren, desto weniger spürte man Sitama. Zurückgezogen, wie eh und je, versuchte sie den Kontakt mit anderen Energien zu meiden. Er wusste das und ließ sie in Ruhe, denn eine weitere sinnlose Diskussion über ihre Paranoia wäre jetzt viel zu ermüdend. Ohnehin würde ihn dieses Treffen weitaus mehr anstrengen, als es ihm lieb war. Doch wie in alten Zeiten war sie auch dieses Mal nicht persönlich erschienen, sondern ließ ihre Aura durch den Körper eines Elfen fließen. Überall vermutete sie Verrat.

Das komplette Gegenteil zur sich versteckenden Sitama war ihr Bruder Bevar. Wie ein Maulwurf wühlte er sich durch die Luft, hin zu anderen Strömen, drängte sich in sie hinein und stöberte in ihnen herum. Bevars Spezialität war die Unruhe.

Einzig Vresyn, ein weiterer Bruder, verhielt sich angemessen und störte die Atmosphäre dieses Raumes nicht. Kein Laut war zu hören. Kein Licht zu sehen. Kein Wind der seine Aura zerströmen ließ. Normalerweise. Die Halle des Nichts war dazu erschaffen worden in vollkommener Ruhe nachdenken zu können. Dieses Treffen kam einer Schändung nahe.

Und dann war da noch die Übeltäterin: Kunar. Betörende Energie floss von ihr hinweg, wie eine Welle die ihr Opfer wieder zurück ins Meer, zurück zum Ursprung, ziehen wollte. Es war schwer diesem Gefühl zu widerstehen. Sie wusste das. Diese Kraft erlaubte ihr mit Worten so umzugehen, wie es keinem anderen gelang. Auch er hatte dieser Fähigkeit wenig entgegenzusetzen, sonst wäre er nicht bereit gewesen sich mit den anderen Dämonen hier zu treffen.

„Dafür, dass wir Wesen höherer Natur sind, haben wir uns gewaltig gehen lassen“, erhob Kunar-Zin das Wort. Trotz ihrer Kritik wagt es keiner sie zu unterbrechen. „Wir haben unseren Bedürfnissen nachgegeben, doch nun ist Schluss damit. Erstmal. Zu gut kann ich mich daran erinnern, was uns Drachen und Wugen angetan haben.“

Die Energien der Dämonen wirbelten umher. Angst.

„Wollt ihr, dass sich so etwas noch einmal wiederholt?“

„Ich werde die Wugen zerfetzen“, schrie Gallrai heraus. Wie immer zu voreilig, doch Kunar wusste, wie sie mit ihm umzugehen hat.

„Du weißt genau, du würdest in dein Verderben laufen. Die Wugen sind nicht dumm. Vielleicht sind sie schlauer als du.“ Ein grimmiges Knurren. „Du wirst Schaden anrichten, keine Frage. Aber gegen ihr ganzes Volk hast du keine Chance. Sie haben eine Waffe gegen uns, ihre abscheuliche Magie. Tausende Jahre waren wir eingesperrt. Willst du das erneut erleben?“

„Meiner Kraft haben sie nichts entgegenzusetzen!“

„Du bist schwächer als damals.“

Gallrai schwieg. Wahrscheinlich leuchtete es auch ihm endlich ein.

„Was schlägst du stattdessen vor?“, fragte er.

Kunar war ruhig, überlegte kurz, ordnete die Gedanken. „Eine Allianz. Wir haben immer das getan, was wir wollten. Und das ist auch richtig so. Doch allein sind wir zu schwach, das haben wir schmerzhaft erfahren. Gemeinsam… gemeinsam werden wir die Völker versklaven. Erst dann, wenn wir sicher sind, kann jeder wieder seine eigenen Wege gehen.“

Absolute Stille.

Einen solchen Vorschlag gab es in all der Zeit nicht. Er spürte, wie ihre Auren unruhig zu wabern begannen. Sie dachten nach. Sogar Gallrai.

„Es klingt vernünftig“, sprach Aruma.

„Vernünftig? Nein, es ist Schwachsinn“, versuchte Sitama die Zustimmung zu verhindern. Der Elf, der ihr als Medium diente, gestikulierte wild, deutete mit dem Finger auf Kunar. „Ich werde dich nicht für mich entscheiden lassen.“

„Das habe ich auch nicht vor. Wir werden uns auf jedes Unterfangen einigen, nur dann wird es auch in Angriff genommen.“

„Wie sollte ich mich je mit ihr einigen?“, speite Bevar in den Raum und richtete seinen Willen auf Sitama.

„Es bedeutet für uns auch mehr Macht, mehr Freiheit.“ Kunar musste sich auf diesen Tag vorbereitet haben. Mit nur einem Satz zeigte sie Bevar, was für tolle Aussichten eine solche Allianz bieten würde. Mit nur einem Satz zog sie ihn auf ihre Seite.

„Nur weil du nach jedem bisschen Macht lechzt und dabei jede Ehre fallen lässt, muss ich noch längst nicht kooperieren.“ Wieder sprach der Elf.

„Du wagst es deine Launen auszusprechen, obwohl du nicht einmal den Mut hast, hier aufzukreuzen? Verdammter Gottesfehler!“ Gallrais Wut entflammte erneut und konzentrierte sich zu einem Angriff, der als Ziel den Elfen auserkoren hatte. Blitzartig rauschte gebündelte Energie auf den Elfen zu. Er würde zerfetzt werden. Doch nichts passierte.

„Mit so etwas habe ich gerechnet, werter Bruder. Ich habe nichts anderes von Verrätern erwartet.“ Da war sie wieder, die paranoide, kleine Schwester Sitama.

„Reißt euch zusammen“, schallte die mächtige Stimme Kunars. „Gallrai, bewahre deinen Zorn für bessere Zwecke auf. Und du, Sitama. Wenn wir dich nicht auf unserer Seite haben, fehlt uns eine entscheidene Kraft, was unser Untergang sein wird.“

„Was interessiert mich das?“

Kunar stöhnt auf. Man hörte es zwar nicht, doch das Flackern der roten Aura verriet es. „Du hältst nicht viel von unseren Feinden, was? Doch auch du müsstest der Meinung sein, dass sie in der Lage sind bis sieben zu zählen.“

Wieder ein Satz, der gut gewählt war. Gallrai und die beiden Streithühner zu überzeugen, war der schwierigste Teil des Treffens. Doch noch hatte sie diese Hürde nicht ganz überwunden.

„Sie werden mich nicht finden.“

„Sie werden dich finden. Es gibt einige gute Magier unter ihnen, die Tag und Nacht damit verbringen werden, dich aufzuspüren. Es gibt genug Informationen über dich, sodass sie deinen möglichen Aufenthaltsort stark einschränken können. Ein unachtsamer Schritt von dir oder der, deines kleinen Haustieres, und es ist aus. Dann verlierst du all deinen Besitz und so schnell wirst du ihn nicht wieder erlangen.“ Eine wohlplatzierte Pause. Die Wirkung ihrer Worte im Kopf der zweifelnden Dämonin. „Willst du dies verhindern, bieten wir dir diese Allianz an. Oder hast du einen besseren Vorschlag, Sitama-Run?“

Überzeugt. Es kam keine Zustimmung, aber das Schweigen sagte alles. Auch Gallrai schien die Schwierigkeit der Lage bewusst zu sein, denn er zeterte nicht weiter herum. Nachdem Aruma ebenfalls zusagte, waren die Stimmen von sechs Dämonen positiv.

„Was ist mit dir, Yareg?“, fragte Kunar, an ihn gewand. Er öffnete die Augen und die Energieströme wurden schwächer. Vor ihm schwebten sechs geisterähnliche Auren in der Luft, einige grell, einige versteckt im Dunkeln. Nur selten benutzte er die minderwertige Art der Wahrnehmung, doch, wie bei allem, hatte auch das Sehen einen Vorteil. Kunars verführerische Aura war nur noch ein erbärmlicher Schatten. Zwar immer noch anziehend, aber nichts im Vergleich zum vorherigen Bild. In dieser Art der Kommunikation, konnte er ihrer Fähigkeit leicht entkommen.

„Hältst du den Krieg gegen die Drachen und Wugen für einen Sieg oder eine Niederlage?“, fragte Yareg, der sich aus seinen Schatten erhob und mit seinen weißen Augen in die Runde schaute.

Kunar zögerte nicht lange. „Es ist eine Niederlage, selbstverständlich. Eingesperrt, handlungsunfähig – das waren wir. Während der Rest der Welt ohne uns leben durfte und sich allmählich erholte.“

Stille.

„Und was denkst du?“, fragte Kunar nach einer Weile. So schnell ihre Antwort auch kam, so sehr schien sie auch an ihr zu zweifeln. Yareg wusste, dass sie ihn nur schwer einschätzen konnte, ihr aber auch sehr viel an seiner Meinung lag.

„Du weißt, dass die Gefangenschaft für mich keine sonderlichen Änderungen zufolge hatte. Für mich persönlich war dieser Krieg keine Niederlage.“

Kunar schien verärgert. „Das war nicht die Antwort, die ich mir wünsche. Ich hätte gerne eine objektive Beurteilung von dir.“

„Objektiv? Auch dann bleibe ich bei meiner Meinung.“

„Wie kannst du nur so einen Mist erzählen, du verdammter Klugscheißer!“ Die Erde erbebte, als Gallrai seine Geduld verlor. Solche Unterhaltungen waren nichts für ihn. Yareg ignorierte ihn.

„Also ist der Krieg für dich ein Sieg gewesen?“, fragte Kunar rhetorisch.

„Habe ich das gesagt?“

Diese Antwort verblüffte sie. „Kein Sieg? Aber auch keine Niederlage? Was dann?“

„Ein Krieg endet mit einem Sieg oder einer Niederlage. Wenn nichts davon zutrifft, was herrscht dann?“

„Krieg. Sag ich ja. Ich werde rausgehen und die Wugen zerreißen!“

„Wirst du nicht. Beruhige dich, Gallrai“, unterbrach ihn Kunar. „Aber er hat Recht. Dann müsste Krieg herrschen. Aber wie du siehst, ist alles ruhig. Wir kämpfen gegen niemanden. Wo ist das Schlachtfeld?“

„In den Köpfen.“ Yareg sprach ganz ruhig und bestimmt, keinerlei Zweifel an seinen Worten. „Du warst bei den Wugen. Was ist in ihren Köpfen?“

Plötzlich stürzten Sinneseindrücke auf ihn ein, als Kunar der Gruppe die Bilder zeigte, die sie in den Erinnerungen der Wugen gefunden hatte. Yareg hasste diese Art der Verständigung, doch er gab sich den Bildern hin.
Grüne Wiesen. Plätschernde Wellen. Das Gefühl des Friedens. Vereinzelte Hütten. Umhertollende Wugen. Sogar Wugenkinder.

Sie hatte es noch nicht verstanden.

Eine Klippe am Meer. Ein zerstörter, roter Turm. Ein Wugenkind. Und dessen Geschichte. Das Leid seiner Schwester. Das Blut auf dem Boden. Der Hass in den Augen.

„Du verstehst?“, fragte Yareg.

„Ja, der Hass ist noch da. Der Krieg findet immer noch in den Köpfen der Betroffenen statt. So meinst du es, richtig?“

„Ja. Wir hassen unsere Bezwinger, während sie uns noch immer fürchten. Innerlich hat unser Konflikt nie geendet. Wir befinden uns immer noch im Krieg.“

„Das sind doch mal Worte nach meinem Geschmack“, grinste Gallrai lüstern. Der Blutdurst schimmerte in seinen Augen.

„Für mich ist der Moment unserer vermeintlichen Niederlage dennoch ein Erfolg. Schau dir doch die gegenwärtige Situation an“, sprach Yareg wieder. Innerlich fluchte er über diese elende Diskussion, aber er hatte Gefallen an seiner Fantasie gefunden. Ein Gedankenspiel, das viel Spannung versprach. „Die Drachen sind geschwächt, vollkommen verängstigt. Das Aussterben ihres Volkes ist unumgänglich.

Durch diese Angst fürchten sie Verrat von allen Seiten, sie haben sich von der irdischen Welt abgewandt und leben im Himmel, wo ihnen niemand etwas tun kann. Der einst so gute Kontakt zu den Wugen ist hinüber.

Die Völker leben nun Seite an Seite. Es gibt keine Barriere mehr, die alte und neue Völker voneinander trennt. Es kommt zunehmend zu Auseinandersetzungen zwischen den Gruppen. Sie sind zersplittert. Und das ist ein erster Anfang des bald einbrechenden Chaos. Wir haben also einen großen Teil bereits geschafft.“

Kaum jemand verriet seine Emotionen, bewahrte sie für sich – ausgenommen Gallrai. Kunar hörte aufmerksam zu, man merkte jedoch, dass ihr eine Frage auf der Seele lag.

„Doch wie kann ich von einem Sieg sprechen, wenn wir doch so lange ohne Handlungsmöglichkeiten blieben und hilflos mit ansehen mussten, wie die Welt außerhalb unserer Kontrolle heranreift?“ Eine Frage, auf die er keine Antwort verlangte. „Diese Phase war ein notwendiger Dämpfer für uns, eine Niederlage die uns in die richtige Bahn geworfen hat und uns damit zum Sieg führen wird.

Wir sind hier versammelt, nicht mehr als Individuen oder Gotteskinder, sondern als ein Volk. Wir sind eine Gemeinschaft, eine Allianz. Unsere Kräfte sind gemeinsam um einiges stärker, als allein. Wäre dies vor einer solchen Phase möglich gewesen? Hat nicht sie uns erst Angst eingeflößt, die uns nun vorantreibt und uns zu unangenehmen, aber richtigen Entscheidungen führt?

Jedes Wesen ist am stärksten, wenn es etwas beschützt, das in höchster Gefahr schwebt. Habt ihr schon einmal einen Elfen gesehen, dessen Frau dem Tode nahe war. Erinnerst du dich noch an diesen Menschen, Kunar? Als du seine Frau vor seinen Augen vergewaltigt hast, erinnerst du dich an seine enorme geistige Kraft? Das ist die Kraft der Angst. Und diese Kraft wurde uns nun ebenfalls zuteil. Wir wollen unsere Freiheit und Macht nie mehr verlieren, wollen sie beschützen und kämpfen für sie. Das verleiht uns eine immense Macht, die alles da gewesene übertreffen wird.“

Er wusste, dass er sie längst von seiner Meinung überzeugt hatte. Auch er konnte gut mit Worten umgehen, nicht umsonst galten seine Ansichten als so wichtig. Ohne Verschnaufpause fuhr er weiter fort.

„Doch einen Vorteil bekommen wir noch. Einen Vorteil, der unseren Sieg ermöglichen wird. Neben all den Faktoren, die ich schon aufgezählt habe, was ist noch anders als damals? Als wir uns bekriegt haben?“

Eine kurze Pause des Nachdenkens tritt ein. Und dann ist es der Elf Sitamas der antwortet: „Die Divos-Kinder wussten wo wir sind. Sie wussten, wen sie zum Feind haben. Sie wussten, dass sie einen Feind haben.“

„Richtig. Wir sind unbemerkt. Und das sollten wir auch solange bleiben, bis wir eine hervorragende Ausgangsposition für den zweiten und finalen Teil des Krieges haben werden.“

„Was sollten wir deiner Meinung nach tun?“ Kunar war die Anführerin dieser Allianz, das wusste er. Zwar keine Anführerin, die Befehle gab, aber eine Anführerin, die Vorschläge machte, von denen alle überzeugt wurden. Sie ist gerissen, das muss man ihr lassen, dachte Yareg.

„Nun, im Moment gibt es zwischen den Völkern viele Risse, ähnlich einem Seelenschutz, dessen Nutzer unaufmerksam ist. Man findet eine Lücke und greift an dieser Stelle an. Wir werden diese Lücken ebenfalls angreifen, die Völker weiter auseinander treiben und uns ihren Hass zunutze machen.“

Autor: Flori