Misstrauisch starrt Arkokk in die Dunkelheit. Seit drei Monaten ist er nun schon an der Oberfläche, doch nicht nur die dunklen Ringe unter seinen Augen erzählen Bände von der Tortur, die dieser Umstand für den Zwerg darstellt. »Verdammt noch eins, Arkokk!« Tekrem, ein grimmiger, alter Zwerg mit schlohweißem Bart und hinterhältigen graubraunen Augen, stößt dem Jüngeren recht unsanft seine Elle in die Seite. »Wie oft soll ich dir blondblödem Gipskopf noch sagen, dass dich hier keine wilden Tiere von hinten anfallen werden?« Skeptisch schweift Arkokks Blick von dem dunklen Wald hinter ihnen beiden, in dem die Zentauren flanieren zu dem anderen Zwerg, dann in die Glut. »Und wenn doch?«, fragt er trotzig. Seit er diesen Schmied getötet hatte, bei dem Versuch ihn zu berauben, plagen ihn grausame Albträume. Immer, wenn er trotz seines Unwillens zu Schlafen zu träumen beginnt, wird er gehetzt, gefangen, gefesselt und gefoltert. Keine Woche vergeht, in der er nicht mit schreckensbleichen Zügen aus der Nachtruhe hochfährt, schweißgebadet, um zu erkennen, dass er noch immer hier an der grausam schutzlosen Oberfläche ist, wo man Zwerge wie ihn verwahrt, damit sie der Gesellschaft und dem Fels nicht schaden. Er will nicht mehr schlafen. Sicher wird sein Gott ihn des Nachts dafür strafen, was er getan hatte.. Immer wieder. Und er bereut es ja auch. Er hätte den alten Sturkopf nicht töten sollen. Doch er wollte diesen vermaledeiten Hammer, den der Schmied ihm nicht freiwillig geben wollte. Er wollte ihn verkaufen und von dem Geld eine Axt für seinen Sohn kaufen. Und vielleicht ein paar Ringe für seine Frau. Und Perlen für seinen Bart. Damit es wenigstens so aussehen würde, als hätte er genug Geld in den Taschen, um zur höheren Gesellschaft zu gehören. Aber nein, der Kerl musste ja die Wachzwerge rufen und ihn dadurch geradezu provozieren, ihm mit seiner eigenen Waffe die geschwollene wanstige Brust zu zersplittern! »Dann schlitzen sie dir die Kehle durch und fressen dich. Und deine Gebeine werden in den Fels gelassen und du bist endlich von deinem Schicksal hier oben erlöst – Was willst du dich also beschweren? Zeig ein bisschen Stolz! Ich kann beinah deine Knie schlottern hö…«

In diesem Moment knackt es hinter den beiden Zwergen am Lagerfeuer. Sogleich springt Arkokk auf. »Wer da?«, ruft er mit zitternder Stimme in die Nacht. Ihnen ist es nicht gestattet, Waffen zu tragen, so streckt er der unsichtbaren Gestalt, die wohl auf einen Ast getreten war, einen glimmenden Zweig entgegen, der kläglich qualmend erlischt und die Züge des Zwerges wieder in Dunkelheit hüllt. »Niemand ist da, Dummkopf«, schnauz der Ältere nun sichtlich erbost darüber, dass Arkokk ihm nicht ein mal genug zugehört hatte, um ihn aussprechen zu lassen. »So würde ich das nicht sagen.« Die Stimme, die dort vom Walde her kommt ist anders. Sie ist tief, wie alle Zwergenstimmen, doch gelichsam rau. Nicht so, als wäre sie vom Alkohol zerfressen, wie es ebenfalls bei vielen Zwergen der Fall ist. Viel eher so, als würde sie nicht oft benutzt werden. Beide Zwerge erbeben furchtsam unter dieser Stimme und auch Tekrem steht nun auf, dreht den Rücken zum Feuer und starrt in die Finsternis, aus der sich eine gebeugte Gestalt schält, wie eine Statue, die aus Gestein entsteht, während der Bildhauer sie bearbeitet.

»Wo kommst du her? Wo willst du hin? Und wer bist du?«, grollt Tekrem angriffslustig, doch Arkokk weicht allein einen Schritt zurück. Die Angst steht ihm trotz der Düsternis in die leuchtenden blauen Augen geschrieben. »Ich komme einst aus dem Fels, wie ihr, doch dieser Tage komme ich aus der Wälder schützendem Dach. Aber anders als ihr zwei will ich nicht zurück.« Die Gestalt wird zu einem Zwerg, älter als Arkokk, doch wesentlich jünger, als der alte Terkem. Sein Bart und das Haupthaar sind dunkel, beinahe braun und wirr, die Augen jedoch hell und durchdringend. Ihr Blick sticht durch die Nacht, wie ein Pfeil, der aus einer Armbrust abgeschossen wird. Etwa zehn Meter von den Flammen entfernt bleibt er stehen. An seiner Seite hängt nicht etwa eine Axt, nicht einmal ein Hammer, sondern ein Schwert. Viel eher noch ein langer Dolch, den kein richtiger Zwerg als Waffe nutzen würden. »Vor Jahren war ich Rarekknar, der Blutrünstige, der Felsenspalter und Glaubensmörder. Doch heute bin ich Rauben, wie der Rabenvogel, der mit der Nacht verschmilzt, oder Estran, wie die Diebin Elster, die sich die glänzenden Dinge stiehlt von den Leuten, die nicht genug Acht darauf geben. Doch nennt mich Greif. Wie die mächtigen Greifenvögel, die den Himmel beherrschen. So ist euer Himmel, eure Oberfläche, mein Königreich…«

Reglos sehen die beiden Sträflinge den Fremden an, als Tekrem einen Schritt vorwärts macht. »Kein wahrer Zwerg würde sich mit einem schwächlichen Vogel vergleichen! Verschwinde, Abschaum, bevor ich dir deinen Zahnstocher in den Bauch ramme«, bellt er, die Augen flirrend vor furchtsamem Zorn. Doch der fremde Zwerg schnaubt nur abfällig. »Was glaubst du, wer du bist, Abschaum? Glaubt ihr wirklich, dass ihr je wieder die Zwergenstädte zu Gesicht bekommt? Dass ihr das Großoberhaupt je wieder reden oder eure fetten Zwergenweiber je wieder lachen hört? Oh – Ihr Leichtgläubigen! Ihr kennt nichts, nichts von der Welt. Nicht einmal genug von dem winzigen, lächerlichen, unterirdischen Teil, auf den ihr euch beschränkt!« Zitternd vor Wut will Tekrem antworten, da hält Arkokk ihn zurück. »Sei still«, raunt er mit einer Stimme, die angefüllt ist von Furcht, Unbehagen, Bewunderung und Unglauben. »Ahnst du nicht, wer er ist? Der Felsenspalter… Der Glaubensmörder?« Keinen Moment lässt er den Blick von dem fremden Zwerg, auf dessen noch immer in seichter Düsternis liegenden Zügen sich nun ein Lächeln schleicht. »Ah – Er kennt die Geschichten um meine Gestalt. Die, die die Obrigkeit euch weiß und schmackhaft machen will, damit ihr es nicht tut, wie ich einst.« Zufrieden verschränkt er die Arme. »Erzähle ihm von mir. Damit er die Angst versteht, die deine Selbstachtung verkümmern lässt.«

»Rarekknar«, wispert Arkokk gehorsam zu dem Alten neben sich. »Rarekknar, der Blutrünstige. Er tötete drei Traumdeuter der Hauptstadt, die schon das Großoberhaupt beraten haben, bevor man ihn schnappte. Zwanzig Zwergenmänner brauchte es, um ihn zu fassen, kurz bevor er eine weitere Deuterin töten konnte und zwanzig Wochen, um ihn geständig zu machen.« »Man folterte mich«, unterbricht Rarekknar aufbrausend. »Und als ich den Schmerzen erlag und gestand, dass ich die Deuter tötete verlangte man von mir, dass ich sagte, dass ich auch die Deuterin Irikknir umbringen wollte. Niemand hörte als ich sagte, dass ich ihr nie ein Haar krümmen würde, dass ich es nie wagen würde, ihrer atemberaubenden Schönheit ein Leid zu zufügen! Sie verbannten mich an die Oberfläche, doch ich werde niemals unterstützen, was die Obrigkeit für so richtig hält… Unschuldige Mannen und Weiber verbannen, wo sie Tag um Tag leiden. Ich habe gelernt, diese obere Welt zu akzeptieren und zu schätzen, die ihr so fürchtet – Und ich will euch helfen. Folgt mir, Zwerge… Dann werde ich euch in eine bessere Zukunft führen. Ohne diese Höhlenköpfe! Ich werde euch Hilfe bieten können, von der ihr nicht zu träumen gewagt habt. Und irgendwann werdet ihr als Helden in euren geliebten Fels eingehen können!«

Autor: Laura